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Science Fiction in der Krise?

Artikel von Karl-Heinz R. Friedhoff


Der Begriff Science_Fiction (SF) wurde erstmals 1851 von William_Wilson in dessen Essay "A Little Earnest Book Upon A Great Old Subject" gebraucht. Allerdings blieb er zunächst kaum beachtet und wurde erst 1929 von Hugo_Gernsback in seinem Magazin "Science Wonder Stories" verwendet und löste die erfolgloseren Begriffe "Scientific Fiction" und "Scientifiction" ab.

Manche bringen aber auch die griechische Antike als Wurzel in die Diskussion, denn phantastische Reisen und Utopien sind bekanntlich Themen von Homer und anderen gewesen.

 


Schon 165 n. Chr. wurde in einer Geschichte von Lukianos von Samosata die erste Weltraumfahrt beschrieben und auch Plato gehört mit dem utopischen Staat aus Politea zu den SF-Autoren.

Kepler benutzte in seinem Somnium (1634) eine phantastische Reise zum Mond, um den Leser seine astronomischen Erkenntnisse näher zu bringen.

Ludwig Holberg führte 1716 seine Leser mit Niels Klims unterirdische Reise in eine unterirdische Welt.

Eberhard Christian Kindermann brachte uns auf den Mars mit Die geschwinde Reise auf dem Luft-Schiff nach der Oberen Welt, welche jüngsthin fünf Personen angestellet (der Titel ist wirklich so lang).

Zeitreisen sind auch ein wichtiges Thema der SF, der Norweger Johan Herman Wessel brachte uns schon 1781 in das Jahr 7603.

 

Als Eltern der modernen Science Fiction gelten aber unumstritten mehrere Autoren, die einen großen Teil der noch heute verwendeten SF-Themen populär gemacht haben.

Es sind dies vor allem Jules Verne (1828-1905) und Herbert George Wells (1866-1946), aber auch Isaac Asimov, Robert A.Heinlein, George Orwell, Stanislaw Lem und Ray Bradbury gehören dazu.

Die Science Fiction entwickelte sich zu einer Art spekulativer Weiterführung der modernen Wissenschaft, insbesondere der Astronomie und der Physik. Sie übernahm aber auch die Rolle eines kritischen Spiegels.

Gerade bei J.Verne, H.G.Wells und Stanislaw Lem prägten sich die beiden Hauptrichtungen dieses Genres aus:

J.Verne behandelte die Ebene der technischen Errungenschaften, H.G.Wells die gesellschaftliche Kritik und Stanislaw Lem hat seine Fiktionen über psychochemische Weltverbesserung oder politische Ideen ins Extreme getrieben.

 

Während der Begriff "Science Fiction" eigentlich nur die fiktive Behandlung von wissenschaftlichen Themen definiert, gehen die Geschichten dieses Genres immer einen Schritt weiter:

Die Wissenschaft entdeckt das, "WAS IST", die Science Fiction beschreibt daraufhin das, "WAS SEIN KÖNNTE".

(Eigentlich müsste diese Literaturgattung als "Spekulative Fiction" bezeichnet werden.)

 

Der Einzug der Technik in's Alltagsleben und die Konsumgesellschaft und die politischen Umwälzungen nach dem Zweiten Weltkrieg brachten das Genre erst zur vollen Blüte. Sowjetische Autoren und andere osteuropäische Schriftsteller setzten sich mit den Zukunftserzählungen auseinander. Der Sozialismus brachte dem Genre eine starke politische Ausprägung. Samjatin (" Wir ") und Orwell (" 1984 ") beschrieben den totalen Staat, die Umkehr des optimistischen Zukunftsbildes - von der Utopie zur Dystopie.

Zu dieser Zeit wurde Science Fiction zur Weltliteratur.

Der Motor dieses Booms waren die ersten zaghaften Versuche der Raumfahrt, denn die Reise in den Weltraum war plötzlich möglich geworden und was uns dort erwarten könnte, malten uns Asimov, Clarke und Heinlein aus.

Jurij Gagarin und Neil Armstrong wurden transformiert zu Captain Kirk, Perry Rhodan, Rex Corda und Ren Dhark.

In dieser für das Science-Fiction-Genre sehr erfolgreichen Phase schufen die Visual Effects-Bastler der Filmfabriken die für seine filmische Präsentation erforderliche Technik und perfektionierten sie immer weiter.

Science Fiction wurde multimedial.

 

In der Mitte der 70er-Jahre begannen dann die Filme über die geschriebenen Romane zu dominieren.

Von "Star_Trek - Raumschiff_Enterprise" über "Star_Wars" bis hin zu "E.T.", "Kampfstern_Galactica" und "Babylon-5" entwickelte sich das Filmgenre zum Kino-Kassenschlager. Je perfekter die Illusion von fremden Welten und fremden Wesen gestaltet wurde, desto erfolgreicher war auch der Film.

Im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends erlebten wir abermals eine Flut an Science-Fiction-Revivals.

Dieses Wiederaufleben hat aber eigentlich nur noch wenig mit der ursprünglichen Form der Science Fiction zu tun, denn es beschreibt nicht mehr, was aufgrund der neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft und der gesellschafts-politischen Entwicklungen "SEIN KÖNNTE".

Star Trek ist hier wohl das beste Beispiel: seine Serien und Nachfolge-Filme sind lediglich eine nostalgische Rückschau auf die Kultur der 60er Jahre, denn der Star Trek von heute ist irgendwie immer noch der gleiche Star Trek wie schon dreißig Jahre zuvor (der Mensch wird zum edlen Wesen und macht seine Gesellschaft fast vollkommen).

 

Science Fiction muss sich aber mit seinen Vorbildern in der Realität weiterentwickeln und darf nicht bei den Utopien von gestern stehen bleiben.

Das Genre kann nur authentisch sein, wenn es die Errungenschaften der Technik, die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nachvollzieht und spekulativ-erzählerisch weiterentwickelt.

Die einzige Entwicklung aber, die Star Trek über all die Jahre vollzogen hat, ist die gesellschaftspolitische Entwicklung - von der Konfrontationspolitik des Kalten Krieges hin zur Konsensbildung der Gegenwart.

Der schlagkräftige Muskelmann Captain Kirk mußte dem besonnenen Denker Picard ("Star_Trek_-_Next_Generation") weichen.

 

Die Krise des Genres geht einher mit der gegenwärtigen Entwicklung von Wissenschaft und Technik überhaupt.

Die technische Entwicklung existiert für die meisten Menschen praktisch nur noch in den Details der Entdeckungen von früher und die Wissenschaft entfernt sich immer weiter vom sichtbaren, verständlichen Leben.

Elektrizität, Radar, Funk, Telefon, motorgetriebene Verkehrsmittel und zuletzt die Raumfahrt haben einst unsere Phantasie nach "draußen" hinaus in das Unbekannte geschickt.

Damit wurden Sehnsüchte und Ängste geweckt, die von der Science-Fiction bedient wurden.

 

Der Umschwung von der Makro- zur MikroTechnologie bescherte uns dann Personal-Computer, Walkman, Internet und Handy. Wir erleben Technik und Wissenschaft fast nur noch als Dienst an unserem Komfort, aber nicht mehr zur Erklärung der Welt und unserer selbst. Wann der Zehn-Gigahertz-Prozessor kommt, beschäftigt uns inzwischen viel mehr als der Ursprung des Lebens oder die Hoffnung, es irgendwann einmal außerhalb unseres Sonnensystems zu finden.

Das sind schlechte Zeiten für ein literarisches Genre, das nach Visionen sucht, aber nur noch Mikro-Chips findet.

Während es SF-Autoren allmählich immer schwerer haben, neue und zugleich wesentliche Themen zu finden, hat inzwischen die Gegenwart die Literatur überholt.

Tschernobyl-Katastrophe, Biotechologie, Klon-Technik, Cyber-War, Ozonloch, Techno-Kriege ums Öl und das Horrorszenario des 11.Septembers 2001 lassen Science-Fiction-Visionen regelrecht verblassen.

Wir erzeugen neue Nahrungsmittel, klonen Tiere und Menschen, entwickeln winzige Mobiltelefone und gigantische Computersimulationen und berechnen sogar die Orte in der Galaxie, wo fremde Lebensformen gefunden werden könnten. Startrek & Co wirken dagegen immer unscheinbarer - und die Kommunikatoren von Captain Kirk & Co. wurden von Handy und Head-Set bereits übertrumpft.

 

Einst eröffnete Science Fiction seinen Lesern und Zuschauern die Chance, das Entstehen von Wirklichkeit im unbestimmten Möglichen zu entdecken. Diese Art der Rezeption hinterließ immer die Frage nach dem "Wie" und "Wann" und auch nach dem "Warum".

Auch die heutige komplexe, technologisierte Gegenwart schreit nach Visionen des Möglichen.

Kann die Science Fiction sie nicht mehr geben, weil die Wissenschaft uns diese Antworten schuldig bleibt?

Oder gibt es nicht schon längst wieder neue Erkenntnisse in der Wissenschaft und damit auch neue Themen, die von den SF-Autoren ignoriert oder aus Unkenntnis nicht wahrgenommen werden? Wird es versäumt, solche Themen erzählerisch und visionär zu behandeln? Lassen sich die heutigen SF-Autoren nicht mehr von den neuesten Entdeckungen der Forschung inspirieren, so wie es einst H.G. Wells und A.C.Clarke getan haben ?

Dieser Herausforderung muss sich die Science Fiction immer wieder auf's Neue stellen, wenn sie die Menschen weiter erreichen will !

 

 


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