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"Wolfsmann"

von Karl-Heinz R. Friedhoff

Die Sonne stand groß und gelb am Himmel, ausnahmsweise weder von Wolkenbänken noch von Nebelschwaden verdeckt. Trotzdem reichten ihre Strahlen noch nicht aus, die morgendliche Kühle zu vertreiben, denn die herbstlichen Stürme hatten vor kurzem begonnen und der lange, harte Winter des scotischen Hochlands stand bevor.

Aus der Heide-Senke erklang ein lauter Ruf, gefolgt von dem weithin schallenden Klang eines Jagdhorns und dem aufgeregten Kläffen der halbwilden Jagdhunde.

Gwendhyfar, die Tochter des Clanslords, konnte weiter unten kleine, berittene Gestalten erkennen, umschwärmt von den Jagdhunden, die ihren wilden Vetter, den grauen Heidewolf, aufzustöbern versuchten.

Der Clanslord und sein Gefolge jagten auf der Heide und dem Hochmoor.

Gwendhyfars braune Stute stand unbeweglich wie ein Standbild, nur manchmal, wenn das Kläffen der Hunde zu wild wurde, wieherte sie leise. Das Mädchen saß ruhig im Sattel und beobachtete interessiert den Verlauf der Jagd.

Die Clansmänner schienen den Wolf jetzt in die Enge getrieben zu haben, denn die Rufe wurden lauter und aufgeregter, die Pferde begannen zu scheuen und Speerspitzen glitzerten in der Sonne.

Gwendhyfar beugte sich interessiert vor.

Eine hochgewachsene Gestalt auf einem schwarzen Hengst ritt direkt auf das umstellte Gebüsch zu. Beinahe im selben Augenblick tauchte dort ein Schatten auf, groß und grau, eine Orgie aus Geschwindigkeit und Bewegung. Der schwarze Hengst scheute wild zurück und warf beinahe seinen Reiter ab. Ein Speer bohrte sich harmlos in den Boden, und ein paar der Hunde stürzten sich auf den grauen Wolf.

Doch der Wolf ließ sich nicht so leicht aufhalten. Er war ein ungewöhnlich großes und starkes Exemplar seiner Rasse, eine sehr beachtenswerte Trophäe für jeden Jäger. Ein Hund fiel als blutiges, jaulendes Bündel zur Seite, dann verschwand die schattenhafte Wolfsgestalt in der Heide.

Gwendhyfars Herz begann vor Aufregung schmerzhaft in ihrer Brust zu klopfen. Sie sah, daß der Wolf aus der Heidemulde hinausstürmte, als wüßte er genau, daß seine Verstecke dort nicht mehr sicher waren. Hinter sich hatte er die Reiter, links und rechts die blutgierigen Hunde, und nur vor sich freies Gelände. Der große Wolf stürmte jetzt genau auf das Mädchen zu.

Gwendhyfar riß den Jagdspeer aus der Schlaufe hinter dem Sattel. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, aktiv an der Jagd teilzunehmen, aber nun, wo der Wolf genau auf sie zurannte, wollte sie sich nicht mehr mit Zuschauen begnügen.

Ihr Atem ging schneller, Jagdfieber hatte von ihr Besitz ergriffen. Ihr Vater würde stolz sein, wenn seine Tochter diesen Wolf erlegen konnte, der von einem Dutzend guter Jäger stundenlang vergeblich gehetzt worden war.

Der Wolf schien die einsame Gestalt auf der braunen Stute gar nicht wahrzunehmen. Er hetzte den Hang hinauf, die rote Zunge weit aus dem Hals hängend, weiße Atemwölkchen stoben aus seinem Rachen. Seine Bewegungen hatten etwas Geschmeidiges, Unwirkliches und Elegantes an sich. Einen Moment lang bewunderte Gwendhyfar dieses Schauspiel an Schnelligkeit und Kraft, an animalischem Willen und listiger Intelligenz. Beinahe bedauerte sie es, dieses kraftvolle Geschöpf töten zu müssen. Doch dann straffte sie sich und hob ihren Speer.

Doch genau in dem Augenblick, in dem sie die Waffe werfen wollte, brach der Wolf zur Seite aus und rannte direkt auf den weiter westlich gelegenen Wald zu. Die Stute wieherte nervös und begann zu tänzeln. Gwendhyfar stieß eine Verwünschung aus und riß das Pferd hart auf der Hinterhand herum. Jetzt hatte sie das Jagdfieber vollends gepackt, denn nun fühlte sie sich von dem Wolf geradezu herausgefordert. In ihren Adern begann das Blut der wilden Clansleute zu pulsieren, und im gestreckten Galopp folgte sie dem Wolf......

Der Wolf schien genau zu wissen, wo seine Chancen am günstigsten standen. Vielleicht war es auch nur ein Instinkt, der ihn dazu trieb, das schützende Dunkel des Waldes aufzusuchen. Mit langen geschmeidigen Sätzen verschwand er unter dem Schatten der alten Bäume.

Einen Herzschlag lang zögerte Gwendhyfar, ihm zu folgen. Der gehetzte und wohl auch verwundete Wolf war zwischen den Bäumen weitaus gefähr­licher als im freien Gelände, wo sie einen plötzlichen Angriff früh genug voraussehen konnte. Doch siegte das Jagdfieber, und sie stieß der Stute die Hacken in die Flanken. Nach wenigen Galoppsprüngen drang auch sie in den Wald ein...

Eine fremde Welt schien sie zu umfangen und in ihren Zauber hineinzuziehen. Tief in ihr war ein warnendes Gefühl, ein Gefühl von drohender Gefahr. Gwendhyfar war es gewohnt, auf solche Empfindungen zu achten, denn das hatte ihr der Druide des Clans beigebracht. Aber der Zauber des Waldes war stärker als die Angst und das Unbehagen in ihrem Innersten.

Als sie weiterritt, konnte sie den Wolf vor sich deutlich sehen. Sie sah, wie er langsamer wurde, wie er den stolzen Kopf mit der spitzen und tödlichen Schnauze nach ihr umwandte, wie er in einer letzten, verzweifelten Anstrengung zu entkommen ver­suchte. Aber die Hetzjagd hatte ihn zu sehr geschwächt, und die Jägerin ließ nicht locker. Sie hetzte ihr Pferd vorwärts, direkt über Stock und Stein, als befände sie sich auf ebenem, offenem Gelände. Roß und Reiterin kamen dem gehetzten Wolf jetzt schnell näher....

Der Wolf blieb stehen, erschöpft und mit bebenden Flanken. Hinter ihm kam die unbarmherzige Verfolgerin, den Speer wurfbereit in der Hand haltend.

Da hob der graue Wolf den Kopf und stieß einen klagenden, hallenden Laut aus, einen Schrei, der von tierischer Todesangst und Verzweiflung kündete.

Gwendhyfar lachte hell auf, denn sie erkannte, daß der Wolf jetzt zu erschöpft war, um ihr noch zu entkommen. Aber dann zuckte sie erschrocken zusammen, denn der Schrei des Tieres wurde beantwortet.

Ein schauriges, unmenschliches und furchteinflößendes Heulen erklang aus der Tiefe des Waldes, eine unmißverständliche Drohung.

 

Und dann erschien das Ding.

 

Es sah einem Wolf ähnlich, aber es war viel größer und dunkler, ein furchteinflößendes Ungeheuer, eine Ausgeburt der Hölle und ein Feind der Menschen.

Gwendhyfar zuckte entsetzt zurück, und ihre Stute blieb vor Schreck in völliger Bewegungslosigkeit stehen.

Wenn es sich nur um einen weiteren Wolf gehandelt hätte, wäre Gwendhyfar durchaus in der Lage gewesen, sich dieser Gefahr zu stellen. Doch das, was sie da zu sehen bekam, lähmte sie vor Furcht.

Über den lohgelben Augen des gejagten Wolfes leuchte jetzt ein weiteres Augenpaar in den Schatten des Waldes, dunkelrot glühend wie  brennende Rubine, haßerfüllt, böse und absolut nichtmenschlich.

Der Speer entfiel den plötzlich kraftlos gewordenen Händen der Jägerin, ihr Gesicht verzerrte sich vor Grauen.

Das Ding kam auf sie zu, langsam, aufrecht gehend wie ein Mensch, jedoch doppelt so groß wie ein ausgewachsener Mann. In seinem Wolfsgesicht schimmerten weiß die gefletschten, fingerlangen Reißzähne, die vorgestreckten Arme endeten in Klauen, die mit dolchartigen Krallen bewehrt waren. Die brennenden Augen dieses Wolfsdämons fesselten Gwendhyfars Blicke und ließen sie erstarren.

Die junge Scotin wäre verloren gewesen, wenn der Selbsterhaltungstrieb ihres Pferdes sie nicht im letzten Augenblick gerettet hätte.

Als das Ungeheuer sie fast schon erreicht hatte, warf sich die Stute mit einem schrillen Wiehern herum und stürzte in wilder Flucht davon. Hinter dem Pferd brach der Dämon böse knurrend durch das Unterholz. Die Jägerin wurde zur Gejagten.

Später erinnerte sich Gwendhyfar nur noch dunkel an diese endlosen Augenblicke zwischen Angst und Hoffnung, die ihr wie Jahre erschienen waren. Sie wußte nur noch, daß sie irgendwie den Waldrand erreichte und plötzlich wieder die freie Heidelandschaft vor sich hatte.

 

 

Feorn beugte sich weit im Sattel vor und stellte sich in die Steigbügel, um seinem Hengst einiges von dem Gewicht abzunehmen. Unbarmherzig trieb er das Tier vorwärts, nicht darauf achtend, daß der Hengst bereits große Schweißflocken abwarf. Aber Feorn hätte das Pferd auch zu Tode gehetzt, wenn es nötig gewesen wäre.

Es war nicht der Ehrgeiz des Jägers, der ihn vorwärts trieb, sondern die Sorge um Gwendhyfar. Er hatte gesehen, wie sie dem Wolf in den Wald gefolgt war, und kurz darauf hatte sich seiner ein seltsames Gefühl bemächtigt, eine Ahnung, daß in dem Wald vor ihm eine Gefahr lauerte, die mehr ins Reich der Geister als in die Welt der Menschen gehörte.

Er hatte den Waldrand beinahe erreicht, als vor ihm das Mädchen auftauchte. Feorn atmete erleichtert auf. Gwendhyfar lebte und war offensichtlich unverletzt, und nur das war wichtig.

Das helle Sonnenlicht blendete Gwendhyfar, als sie aus dem Wald herauspreschte, aber dennoch erkannte sie den Reiter, der urplötzlich vor ihr auftauchte.

Aufatmend brachte sie die Stute zum stehen und blickte hastig zum Wald zurück, denn sie fürchtete, von dem Monster verfolgt zu werden, das sie gesehen hatte.

Feorn bracht seinen Hengst neben ihr zum Stehen.

"Hast du den Wolf erlegt?" fragte er.

"Nein," antwortete sie, noch immer am ganzen Leibe zitternd, "aber ich bin fast einem Ungeheuer in die Fänge geraten. Es war ein riesiger Mann-Wolf, der den grauen Wolf beschützte. Beinahe hätte er mich erwischt. Ich weiß nicht, ob er mir gefolgt ist."

Feorn spähte zum Wald hinüber, aber er konnte nichts entdecken, obwohl er das Gefühl hatte, von dort aus beobachtet zu werden.

Er konnte die blutroten Augen nicht sehen, die in den Schatten unter den Bäumen auf ihn und das Mädchen gerichtet waren.

"Laß' uns zu den anderen zurückkehren," meinte er, "Es heißt, daß dieser Wald verflucht ist. Schon mancher Krieger ist darin spurlos verschwunden. Wer weiß, welche Geschöpfe darin hausen."

"Ich kann darauf verzichten, es genauer zu wissen," murmelte Gwendhyfar, "Aber wir sollten es dem Druiden erzählen."

Sie zogen ihre Pferde herum und galoppierten so schnell sie konnten zurück zu den anderen Jägern.

In den Schatten unter den Bäumen klang ihnen ein leises Grollen nach....

Ende

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