Fantasy

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Die Geschichte der Fantasy-Literatur weist deutliche Parallelen zur Science Fiction auf, in der wir thematische Anklänge schon in vergangenen Jahrhunderten finden.

So zitiert man z.B. Mondreisen wie die "Alethes historia" (Wahre Geschichten) des LUKIAN, KEPLERs "Somnium Scipionis" oder DE BERGERACs "Voyage dans la lunes et les etats de Soleil" als Ahnherren der Science Fiction, ferner ihre ersten bedeutenden Vertreter im ausgehenden 19.Jahrhundert - JULES VERNE und H.G.WELLS - und schließlich den großen Aufschwung der Science Fiction in den 30er-Jahren des 20.Jahrhunderts.

 

 In ähnlicher Weise kann man auch den Stammbaum der Fantasy-Literatur zurückverfolgen zu den frühesten schriftlichen Zeugnissen der Menschheit, denn daraus ist diese Literaturgattung entstanden:

 So berichtet ein mehr als viertausendjähriger Mythos, der uns auf babylonischen Keilschriften erhalten blieb, wie "Gilgamesch", der gigantische Kriegerkönig von Uruk, über die Grenzen der menschlichen Welt hinauszieht, um das Geheimnis der Unsterblichkeit zu suchen, wobei er mit dem Hunwawa-Ungeheuer und anderen phantastischen Hindernissen zu kämpfen hat, bis er schließlich Dilmun, das sumerische Paradies, erreicht.

Mit gleichem Recht könnte man auch die "Odyssee" von HOMER mit ihren ränkeschmiedenden Zauberinnen, Göttern und einäugigen, menschenfressenden Riesen aufzählen.

Auch die indischen National-Epen, das "Rumayana" und das "Marabharata", sind voll von Dämonen, verzauberten Waffen, fürchterlichen Monstren und wunderbaren Helden.

Das National-Epos von Persien, das "Schah Namah", ist ebenfalls eine Sammlung von phantastischen Erzählungen mit fliegenden Thronen, unsterblichen Helden und bösen Geistern, wie in der Geschichte von dem mächtigen Helden ZAL, der in seiner Kindheit von einem magischen Vogel, dem SEMIURG, aufgezogen wurde, und seinem Sohn RUSTUM, der auf dem Weg zum verzauberten Königreich MAZINDERAN gefährliche Drachen bekämpfen muss.

 Diese alten Mythen waren die Urväter der heutigen Fantasy-Literatur.

 

In eine historisch schon fassbare Zeit, an die Grenze von Mythos und tatsächlicher Geschichte, führen uns Epen wie das "Nibelungenlied", welches ebenfalls mit seinen Helden, Drachen, Zwergenkönigen, verzauberten Schwertern und Walküren reich an Fantasy-Elementen ist, oder der "Beowulf", das bedeutendste altenglische Epos, in dem der Held gegen Monster und Drachen als Manifestationen seines Schicksal kämpft.

Diese Liste ließe sich mit anderen Mythen und National-Epen fortsetzen, wie dem walisischen "Mabinogion" oder der von dem finnischen Gelehrten ELIAS LOENNROT nach überlieferten Motiven geschriebenen "Kalevala" sowie die nordgermanische Götterdichtung in der "Edda" (die auch "Heidnische Bibel" genannt wird).

 

Danach beginnt das Zeitalter der Romanzen, angefangen vom mittelalterlichen "Alexander-Roman" bis zu den Sagenzyklen um den vom Zauberer "Merlin" aufgezogenen "König Arthus" mit seinem magischen Schwert "Excalibur", von dessen stolzer Burg "Camelot" die berühmten "Ritter der Tafelrunde" auszogen, um den "Heiligen Gral" zu suchen, wie es CHRETIEN DE TROYES und WOLFRAM VON ESCHENBACH im "Parcival" oder SIR THOMAS MALORY in "Le Morte d´Arthur" berichteten.

Oder man denke an den großen Fortsetzungsroman des Mittelalters um "Amandis de Gaule" und seine Nachfahren in der Renaissance, unter denen ARIOSTOs "Orlando Furioso", was verwunschene Schlösser, Zauberinnen, Helden, Fabeltiere und phantastische Abenteuer betrifft, mit dem Besten mithalten kann, was seither in der Fantasy-Literatur geschrieben wurde.

 

Auch "Grimms Märchen", "Gullivers Reisen" und die berühmten "Geschichten aus 1001 Nacht" gehören in die lange Reihe der Literaturgattung, die man heute FANTASY nennt.

 

Das Weltbild der heutigen "modernen" Fantasy aber ist geo- und anthropozentrisch, d.h. der Mensch und seine Welt sind Mittelpunkt des Universums unter dem Anblick der Ewigkeit. Das Weltbild der Fantasy ist ein geschlossener Kosmos, innerhalb dessen der Mensch im direkten Kontakt mit dem Übernatürlichen steht.

Es ist bezeichnend, dass die ersten Fantasy-Werke der Neuzeit ausgerechnet zu einer Zeit aufkommen, wo der Absolutheitsanspruch des Fortschrittsglaubens erstmals in Frage gestellt wird, nämlich in der zweiten Hälfte des 18. und gegen Ende des 19.Jahrhunderts.

Besonders deutlich ist diese bewusste Rückwendung bei WILLIAM MORRIS, einem Zeitgenossen von J.VERNE und  H.G.WELLS.

W.MORRIS könnten wir daher auch als den Vater der modernen Fantasy bezeichnen.

Man hat MORRIS als den letzten Renaissance-Menschen tituliert. Er hat sich allerdings nicht nur in Literatur und Kunst versucht, sondern gilt auch als einer der Pioniere des englischen Sozialismus. Daneben belebte er in seinen Übersetzungen die skandinavischen Sagas neu, bis er sich im Alter schließlich an Romane wagte, die in mittelalterlichen Landschaften und seinen eigenen Vorstellungen bzw. Phantasien spielten. Der erste davon war "The Wood beyond the World" (1895), und im Jahr darauf sein bedeutendster Roman "The Well at the Worlds End" (Der Brunnen am Ende der Welt).

Heute allerdings erscheinen die Romane von MORRIS langatmig und kaum lesbar für den Durchschnittsmenschen; seine Sprache ist reich an altertümlichen Worten und Wiederholungen.

Nichts von ihrer Frische verloren haben die Werke seines jüngeren Zeitgenossen, LORD DUNSANY (1878 - 1957), eines anglo-irischen Barons, der ein literarisches Werk von 60 Büchern hinterließ, darunter eine Reihe von Sammlungen phantastischer Vignetten, in denen er, angefangen mit seinem ersten Buch "The Gods of Pegana" (1905), die Geschichte einer Welt entwarf, angefangen von der Erschaffung ihrer oft launischen und seltsamen Götter. Sein bedeutendster Roman war "The King of Elflands Daughter" (Die Königstochter aus Elfenland).

 Aus jener Frühzeit der modernen Fantasy sind vor allem noch zwei Autoren zu nennen:

Der eine ist E.R.EDDISON, der Autor des großen Buches "The Worm Ouroboros" (1922), ein Werk von epischen Ausmaßen, dramatischer Bewegung und übermenschlichen Helden; eine der wenigen geglückten Verbindungen von Phantasiewelt und einer phantastischen künstlichen Diktion. So gewaltig ist jener dort beschriebene Krieg, dass die Götter am Ende beschließen, ihn immer wieder von neuem beginnen zu lassen, dem "Ouroboros" gleich, jenem magischen Symbol des Drachens, der seinen eigenen Schwanz verschlingt.

Der zweite Autor jener Generation ist der Amerikaner JAMES B.CABELL, dessen Werk aus einem Zyklus von ineinander verflochtenen, von einer komplizierten Kosmologie durchzogenen Romanen besteht, von denen vor allem das Buch "Jürgen" (1919) Berühmtheit erlangte - nicht wegen seiner literarischen Qualität, sondern weil es aufgrund seiner (aus heutiger Sicht harmloser) erotischen Anspielungen zum Objekt eines Musterprozesses um die Freiheit der Literatur wurde.

 

 Von den Autoren der Nachkriegszeit stehen vor allem die Engländer in der Tradition dieser Werke, vor allem T. H. WHITE mit seiner Arthus-Adaption "The once and the future King" - und ganz besonders J.R.R.TOLKIEN, Oxford-Professor für altenglische Literatur, der Autor des weltberühmten Romans "The Lord of the Rings" (Der Herr der Ringe), der als das Meisterwerk der Fantasy schlechthin angesehen wird.

"Der Herr der Ringe" ist ein langer Roman in drei Bänden, mit einer Fülle von quasi-historischem Material im Anhang und schildert eine Phantasiewelt am Ende des heroischen Zeitalters, die bereits auf einen jahrtausendelangen Kampf zwischen Gut und Böse zurückblickt. Es ist eine Welt, bevölkert von Elben (Elfen), Zwergen, den Orcs (Ogern) und den kleinen Hobbits (Tolkiens eigene Erfindung). Eine Welt, in der Menschen eine weniger wichtige Rolle spielen. Und auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Schicksal der Welt "Mittelerde" in der Gestalt des "Ringes der Macht", der vernichtet werden muss, bevor das Böse durch ihn die Welt beherrschen kann.

 

 Ein anderer Zweig der Fantasy wurde in den dreißiger Jahren in den USA gegründet. Im Rahmen der "Pulps" (mit unseren Heftromanen vergleichbar) hatte sich ein Magazin mit dem Titel "Weird Tales" speziell des Horrors und des Übernatürlichen angenommen. Hierfür arbeiteten einige Autoren, die später berühmt werden sollten:

H.P.LOVECRAFT, der Begründer des "Chtultu-Mythos", einer Mischung aus Horror, Fantasy und Science Fiction, CLARK ASHTON SMITH mit seinen grausigen Märchen und ROBERT E. HOWARD, der mit seinen Geschichten um "Kull von Atlantis" und "Conan von Cimmerien" den historischen Abenteuer-Roman mit Horror- und Sagen-Elementen verband, womit er innerhalb der Fantasy das neue Genre der "Sword-and-Sorcery-Stories" (Schwert-und-Magie-Erzählungen) erschuf.

Geschichten dieses Genres zeichnen sich durch eine Reihe gemeinsamer Eigenschaften aus:

Im allgemeinen spielen sie in einer Welt, wie sie hätte sein können oder wie es sie in ferner Zukunft einmal geben könnte, und in der die moderne Technik entweder noch nicht erfunden oder in Vergessenheit geraten ist. Dafür ist die Magie oder Zauberkraft in einer solchen Welt vorhanden und auch wirksam; sie tritt hier an die Stelle von Wissenschaft und Technik. In der Regel wird der Konflikt eines heroischen Kämpfers gegen seine magischen oder übernatürlichen Widersacher (Zauberer, Dämonen, Monstren und finstere Götter) zum Zentral-Thema der Handlung gemacht. Der Held ist fast immer die Verkörperung des Guten oder der natürlichen Ordnung, die sich den Mächten des Bösen und Unnatürlichen entgegenstellt.

Dieses Thema, den Kampf zwischen Gut und Böse, findet man in allen Sagen und Mythen auf der ganzen Welt wieder, selbst im "Alten Testament" kämpfen Engel gegen Teufel.

Manche Fantasy-Autoren haben den Kampf zwischen Gut und Böse übertragen auf den ewigen Konflikt zwischen den  Kräften von Chaos und Kosmos (Ordnung), wobei die Ordnung für Beständigkeit und Kontinuität, das Chaos dagegen für dauernde Veränderung auch um den Preis der Zerstörung des Bestehenden eintritt.

Das Thema bleibt jedoch im Grunde immer dasselbe, obwohl hier oft kosmische Zusammenhänge (die zum Teil allerdings nur der Phantasie der Autoren entspringen) sowie philosophische Betrachtungen über Sinn oder Sinnlosigkeit des Universums (bzw. Multiversums) mit in die Handlung eingebracht werden.

 In dieser Tradition schreibt noch heute ein großer Teil namhafter Fantasy-Autoren, wie  z.B.

FRITZ LEIBER mit seinen Geschichten von "Fafhrd und den Grauen Mausling", MICHAEL MOORCOCK in seinen Zyklen um den "Ewigen Helden" in den verschiedenen Inkarnationen als "Elric von Melnibone", "Dorian Hawkmoon", "Prinz Corum" und anderen, ANDRE NORTON mit ihrer "Hexenwelt-Serie", L.SPRAGUE DE CAMP und LINN CARTER, die an Howards "Conan-Zyklus" weitergeschrieben haben, und zum Teil auch JACK VANCE in "The dying Earth" (Die sterbende Erde) sowie POUL ANDERSON mit seinen Geschichten aus der nordischen Sagenwelt, von denen "The broken Sword" die bekannteste ist.

Einige dieser Autoren haben die Fantasy sicher um manche Facetten bereichert.

 

 Es fällt oft auf, dass Fantasy-Geschichten sich auch in der Wahl des Ortes ähnlich sind, an dem die Handlung spielen soll.

Das liegt jedoch daran, dass dem Fantasy-Autoren im Grunde genommen nur fünf Möglichkeiten offenstehen, den Ort zu bestimmen, wo seine Geschichte spielen soll:

 - Die erste Möglichkeit ist, die Geschichte in historischer oder prähistorischer Vergangenheit spielen zu lassen (z.B. "Conan", "Kull von Atlantis" oder "The broken Sword").

- Die zweite Möglichkeit wäre, die Geschichte in einer Phantasiewelt neben der Realität mit einem Bezug zur realen Welt spielen zu lassen (z.B. "Alice im Wunderland", "Die unendliche Geschichte" von MICHAEL ENDE oder "The World of Tiers" von J.P.FARMER).

- Die dritte Möglichkeit ist, dass die Handlung auf einer völlig abgeschlossenen Phantasiewelt ohne jeden Bezug zur realen Welt geschieht (z.B. "Der Herr der Ringe" sowie der Fantasy-Film "Der dunkle Kristall").

- Eine vierte Möglichkeit ist, dass die Geschichte in der realen Welt spielt, allerdings mit übernatürlichen Elementen wie Magie und Mystik (z.B. Gruselgeschichten wie "Dracula" oder der Film "Ghostbusters").

- Und als fünfte und letzte Möglichkeit bleibt, dass die Handlung in der Zukunft spielt, wobei es allerdings oft zu Vermischungen mit Science-Fiction-Elementen kommt.

 

 Zu den Randgebieten der Fantasy gehören solche Romane, deren Rahmen zwar die Konventionen der Science Fiction einhält, die jedoch genausogut auf einer Phantasiewelt hätten spielen können statt auf einem fremden Planeten. Diese Art der Fantasy bezeichnet man auch als SCIENCE-FANTASY oder FANTASY-FICTION.

Der Ahnherr dieses Genres ist EDGAR RICE BURROUGHS mit seinen "Mars-und-Venus-Romanen". Seine Schöpfung "Tarzan - der Affenmensch" zählt dagegen wieder zur klassischen Art der Fantasy.

In diese Science-Fantasy-Kategorie lassen sich auch JOHN NORMANNs "Gor - die Gegenerde" und der "Scorpio-Zyklus" von ALAN B.AKERS einreihen.

 Die Aufwertung der Literaturgattung Fantasy und die Besinnung auf ihre literarischen Traditionen begann in den 1960er und 1970er-Jahren, vor allem unter dem Einfluss der von LINN CARTER herausgegebenen "Ballantine-Adult-Fantasy-Serie".

In dieser Serie erschienen neben den Klassikern MORRIS und DUNSANY auch neue Autoren wie KATHERINE KURTZ mit ihrer "Deryni Chronik", EVANGELINE WALTON mit dem "Mabinogion Zyklus", und Einzelwerke wie JOY CHANTs "Red Moon and black Mountain" oder PETER S.BEAGLEs "The last Unicorn" (Das letzte Einhorn).

 

Fantasy-Filme wie "Der Herr der Ringe", "Der dunkle Kristall", "Conan", "Die unendliche Geschichte", "Talon", "Ghostbusters", "Harry Potter" und andere machten die Fantasy-Literatur auch dem breiten Publikum bekannt, was zu ihrer verstärkten Popularität beigetragen hat.

 

 In den letzten Jahren machten sich vor allem weibliche Autoren in der Fantasy einen Namen und führten eine deutliche Wende zum sinnlich-schönen, sehr gefühlsbetonten Stil herbei, wie man vor allem in der "Drachenreiter-Serie" von ANNE McCAFFREY und in "Die Nebel von Avalon" von MARION ZIMMER BRADLEY sehen kann.

 

Heute ist Fantasy zu einer Literaturgattung geworden, welche die alte Tradition der Märchen, Sagen und Mythen auch in heutiger Zeit weiterführt. In ihr sind Träume, Urängste, Wünsche und Sehnsüchte des Menschen in den verschiedensten Formen in Worte gefasst und als Geschichten niedergeschrieben. Sie ist eine Exkursion in die Welten der Phantasien und Träume, eine Art begrenzte Flucht aus der an Reizen oft so armen Wirklichkeit des grauen Alltags.

Denn wie trostlos wäre die Welt wohl ohne Träume und Phantasien ?

              gez. Karl-Heinz Richard Friedhoff

 

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