Fantasy

Serie

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[ Diese Fantasy-Serie wurde in den Jahren 1975 bis 1978 geschrieben. ]

 

Fantasy-Serie

von

Karl-Heinz R. Friedhoff

 

PROLOG:

Er hatte keine Ahnung, was eigentlich mit ihm geschehen war.

Gerade eben noch hatte er vor dem Eingang der Diskothek gestanden und über den Regen geflucht. Er hatte sich die Jacke enger um die Schultern gezogen und wollte gerade loslaufen. Sein letzter Bus fuhr in zehn Minuten; er musste sich beeilen, sonst würde er das teure Taxi nehmen müssen.

In seiner Eile hatte er das nebelartige flimmernde Gebilde viel zu spät bemerkt, das da plötzlich vor ihm aufgetaucht war - praktisch aus dem Nichts.

Bevor er darauf reagieren konnte, war er schon in das Nebelding hineingelaufen.....

Dann  fühlte er sich plötzlich emporgerissen. Wirbelnde Farbwolken umhüllten ihn und verwirrten seine Sinne. Erschrocken begann er zu schreien und schlug wie wild um sich.

Sein Schreckensschrei hallte über die Straße und brach abrupt ab. Ein Pärchen, das engumschlungen in einem Hauseingang stand, schreckte auf und schaute sich um, um zu sehen, woher der Schrei gekommen war. Aber sie konnten niemanden entdecken - die Straße war völlig menschenleer...

 

 

....eine fürchterlich dröhnende Stimme schlug unvermittelt an seine Ohren, dass seine Trommelfelle zu flattern begannen.

     "He, du Strolch, wie kommst du hierher? Was willst du hier, du Tagedieb?!!!"

 

Verwirrt und noch immer benommen sah er sich um.

Wo war er nur hingeraten?

Männer in schimmernden Rüstungen und Kettenhemden, mit langen Schwertern in den Händen, umringten ihn von allen Seiten und schauten ihn drohend an, so dass er ein reichlich mulmiges Gefühl in der Magengegend verspürte.

     "Wo - wo bin ich denn hier?" fragte er stotternd und kleinlaut angesichts der auf ihn gerichteten Waffen.

      "Das weißt du nicht, Kerl?!!" donnerte es ihm wieder in die Ohren, "Du bist in der Lippburg, der Residenz des Lord Gregor tor Lippia. Und nun sage schnell, wer du bist und woher du kommst, oder du stirbst noch schneller, wenn ich dir den Schädel spalte!"

     "Äh - ich - ich heiße Klaus Pollmann und wohne in Dortmund," antwortete er, "Ich weiß wirklich nicht, wie ich hier hineingeraten bin. Ich wollte Sie hier bestimmt nicht stören - ehrlich nicht. Zeigen Sie mir nur, wo ich hier wieder 'rauskomme, dann verschwinde ich sofort. Ich wusste nicht, dass hier ein Film gedreht wird - ganz bestimmt nicht - und ich bin auch nicht mit Absicht in Ihre Kulissen gelaufen."

     "Schweig', du Hund!" wurde er wieder angebrüllt, "Du hast hier nichts zu fragen, sondern nur zu antworten. Du kommst aus Dortmund, sagst du? Wo liegt dieser Ort?"

     "Na - in Deutschland, wo denn sonst. Das müssen Sie doch wissen!"

     "Kerl, wenn du mich zum Narren halten willst, dann hau' ich dich in Stücke!"

     "Aber ich sag' doch die Wahrheit!"

     "Es gibt auf ganz Eropan keine Stadt namens Dortmund. Auch habe ich niemals gehört, dass es irgendwo auf Fatom ein Land gibt, das Doizland genannt wird. Also hüte dich, mich noch einmal zu belügen."

     "A-aber-aber wo bin ich denn dann?"

     "Du bist hier im Reiche Lippia, Dummkopf", schnauzte ihn der Mann mit dem dröhnenden Organ wieder an, doch dann trat ein nachdenklicher Ausdruck in das Gesicht des Ritters.

     "Du weißt also nicht, wie du hierher gekommen bist? Und du kennst Lippia nicht? Bist du vielleicht ein Verirrter aus den anderen Sphären?"

     "Natürlich hab' ich mich  verirrt", gab Klaus zurück, "Aber ich weiß selbst nicht, wie das passiert ist."

     "Kommst du von den anderen Welten?" wurde er gefragt.

     "Wie bitte?" stammelte Klaus, der den Sinn dieser Frage nicht begriff.

     "Steh' auf und folge mir," befahl ihm der Ritter, "Ich bringe dich zu Lord Gregor. Er weiß einiges über magische Dinge. Vielleicht kann er Euch erklären, wie Ihr hierher geraten seid."

 

 

Klaus wurde in einen Saal geführt, dessen Einrichtung und Ausstattung bald prächtiger war als die in der Kathedrale des Petersdomes zu Rom.

Ein hagerer Mann in prunkvoll bestickter Robe trat auf ihn zu.

        "Mein Lord", sprach der Bewaffnete, der ihn hergebracht hatte, "Dieser Mann hier tauchte wie aus dem Nichts mitten im Burghof auf. Er behauptet, aus einem Land zu kommen, das es auf dieser Welt nicht gibt. Ich glaube, dass er ein Verirrter aus den anderen Sphären ist, denn auf die magischen Künste scheint er sich nicht zu verstehen."

        "Sehr interessant", murmelte der Hagere, "Ich danke Euch, Ritter Togan. Ich werde mich dieses Mannes annehmen. Eure Dienste sind hierzu nicht mehr vonnöten. Ihr dürft Euch wieder Euren üblichen Pflichten zuwenden."

Der Ritter schlug sich mit der Faust gegen die gepanzerte Brust, was wohl gleichbedeutend mit einem militärischen Salut war, und entfernte sich.

        "Setze Er sich, Fremdling", sprach der Hagere, worauf sich Klaus auf einem der bequemen Diwane niederließ.

        "Wer seid Ihr?" fragte er, noch immer völlig durcheinander, und merkte dabei nicht einmal, wie er sich unbewusst der hiesigen Sprachweise anpasste.

        "Ich bin Lord Gregor tor Lippia, einer der fünf Herrscher des Lippischen Reiches. Und nun verratet mir, wer Ihr seid."

        "Ich bin Klaus Pollmann", antwortete er und wurde langsam ärgerlich, "und ich habe allmählich von diesem Mummenschanz die Nase voll. Mir ist egal, was für ein irrer Film hier gedreht wird, und ich habe auch keine Lust mehr, dieses dumme Spiel weiter mitzumachen. Zeigen Sie mir jetzt endlich den Ausgang, damit ich hier verschwinden kann."

 

Der Lord lachte leise.

        "Ihr scheint wirklich nicht zu wissen, wo Ihr Euch befindet, junger Freund. Aber ich will es Euch gern erklären, wenn Ihr mir zuhören wollt. Dies hier ist die Welt Fatom, und Ihr seid hier auf dem Kontinent Eropan im Zentrum des lippischen Reiches. Zu meinem ehrlichen Bedauern könnt Ihr nicht einfach von hier fortgehen, denn es gibt keinen Weg zurück in Eure Heimat, wo immer diese sein mag. Ihr stammt aus einer anderen Daseins-Sphäre, die sich vermutlich für einen kurzen Augenblick mit der unsrigen überschnitten hat. Es war Euer Pech, dass Ihr Euch ausgerechnet an diesem Schnittpunkt befunden habt, denn sonst wäret Ihr nicht in unsere Welt herübergezogen worden. Ich selbst weiß über diese seltsamen Phänomene auch nur deshalb Bescheid, weil Ihr nicht das erste Wesen seid, das es hierher verschlagen hat. Manche dieser Wesen waren Ungeheuer und monströse Kreaturen, deren Nachkommen noch heute in entlegenen Gebieten auf dieser Welt leben. Andere starben sofort nach ihrem Erscheinen, da sie die Luft hier nicht atmen konnten und deshalb ersticken mussten. Im Land Idara lebt schon seit einigen Jahren ein alter Mann, der ebenfalls aus einer anderen Welt gekommen ist, die er Erde nannte. Ist das auch der Name Eurer Welt?"

Klaus nickte bestätigend.

        "Auch dieser Mann konnte bis heute nicht in seine Heimat zurückkehren. Ihr solltet Euch mit dem Gedanken vertraut machen, dass Ihr für immer in unserer Welt bleiben müsst."

        "Das sind ja schöne Aussichten", stöhnte Klaus fassungslos, "Wie soll ich denn hier leben?"

        "Ihr steht vorerst unter meinem Schutz", sprach Lord Gregor, "Tretet in meine Dienste, dann wird es Euch an nichts mangeln."

        "Aber wie kann ich Euch denn hier nützlich sein?"

        "Das wird sich herausstellen. Aber da Ihr aus einer anderen Welt gekommen seid, wird Euer dort erworbenes Wissen vielleicht sehr nützlich für uns sein. Seid Ihr des Schreibens kundig?"

        "Ja, aber ich kenne die hiesige Schrift nicht."

        "Seid unbesorgt, denn durch den Erde-Welt-Mann in Idara weiß ich, dass Eure Schriftzeichen den unsrigen sehr ähnlich sind. Es gibt zwar einige Unterschiede, die aber kaum bedeutend sind. Ihr werdet sie schnell erlernt haben. Dann könnt Ihr mir als Hofschreiber dienlich sein. Außerdem werdet Ihr all Euer Wissen und Eure Kenntnisse aus Eurer Welt niederschreiben, wofür wir gewiss gute Verwendung haben werden. Zudem könntet Ihr als Chronist unseres Reiches arbeiten. Für all diese Dienste sollt Ihr reichlich entlohnt werden, so dass Ihr hier ein angenehmes Leben führen könnt."

 

So kam es, dass Klaus Pollmann, der Gefangene einer fremden Daseins-Ebene, eine phantastische Geschichte zu schreiben begann - die Geschichte des Reiches Lippia.

Viele Jahre lebte er auf jener fernen Welt, und man nannte ihn dort "Klasus - den Schreiber".

Entgegen allen Erwartungen kehrte er durch einen rätselhaften Zufall als sehr alter Mann wieder in seine Welt zurück, wo seit seinem Verschwinden nicht einmal eine Stunde vergangen war - eine Stunde, in der er um fast siebzig Jahre gealtert war.

Es blieben ihm nur noch wenige Jahre zu leben, die er in der Einsamkeit der finnischen Wälder verbrachte.

In diesen letzten Jahren seines Lebens schrieb er alles nieder, was er auf jener fremden, fernen Welt selbst erlebt oder von anderen erfahren hatte - die Chronik vom Aufstieg und vom Untergang des Reiches Lippia.

Eine Gruppe von Wanderern fand ihn schließlich tot in seiner abgelegenen Blockhütte. Und so wurden auch seine Niederschriften gefunden, die von einer fremden, phantastischen Welt erzählten

 ---  es war die Geschichte vom mächtigen

 

 

CLAN  DER  LORDS
 

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Karte von Lippia

[größer] 

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Band  1

 

 

Der Magier aus Asani

 

 

Er kam mit einem Wagenzug von kobalischen Kaufleuten nach Stadt-Lippia. Als die Stadtwachen die Fuhrwerke kontrollierten, zog er ihre misstrauischen Blicke förmlich an wie ein Magnet. Sogar unter den fremdländisch gekleideten Kobaliern fiel er auf in seiner seltsamen und etwas schäbig wirkenden Kleidung, die schwarz wie die Nacht war.

 

Die Soldaten der Torwache musterten den Fremden mit scharfen Blicken, denen kaum etwas entging, nicht einmal die kleinste Falte seiner Kleidung. Ein paar spotteten über seinen schlampig wirkenden Aufzug, aber schließlich ließen sie ihn ungehindert passieren, da er harmlos zu sein schien und auch keine Waffen bei sich trug, wenn man von dem seltsamen Krimskrams absah, der sich in seinem Tragebeutel befand.

 

Später fragte man den Wagenführer der Kobalier nach der Herkunft des seltsamen Fremden, doch niemand konnte sagen, wer er war und woher er kam. Der Wagenführer wusste nur, dass er in Koba zum Wagenzug gestoßen war und sich einen Platz als Mitreisender erkauft hatte. Die Kobalier machten auch kein Hehl aus ihrer Erleichterung, den schwarzbärtigen Fremden in seiner düsteren Kleidung losgeworden zu sein. Jeder von ihnen hatte in seiner Nähe stets ein unbedeutendes Unbehagen verspürt, als hätte diesen Fremden immer ein unsichtbarer Mantel aus Kälte umgeben.

 

 

Der Wirt des Gasthauses "Hahngold" störte sich zunächst nur wenig daran, als der Fremde bei ihm um ein Quartier ersuchte. Der Mann zahlte die Unterkunft im voraus mit einer Münze aus purem Gold, deren Prägung dem Wirt allerdings völlig unbekannt war. Aber ihr Goldwert übertraf bei weitem den Preis, der für ein Quartier üblich war, und so stellte der Wirt auch keine Fragen, überwand sein Unbehagen, welches ihn beim Anblick des Fremden befallen hatte, und wies ihm ein Zimmer zu, das der neue Gast auch sofort aufsuchte und die Tür aus dickem Ekenholz hinter sich verriegelte.

 

        "Was war das denn für ein seltsamer Kauz?" fragte ein Kaufmann, der sein Krii-Met an einem der vorderen Tische in der Schankstube trank.

        "Ich weiß es nicht", meinte der Wirt achselzuckend, "Den habe ich noch nie gesehen. Habt Ihr seine Kleidung betrachtet? Er muss aus einem fernen Land kommen, denn solche Sachen trägt man auf ganz Eropan nicht. Schaut Euch mal die Münze an, mit der er bezahlt hat. So eine sah ich noch nie in meinem Leben, aber sie ist aus purem Gold und weitaus mehr wert als der Preis für ein Zimmer."

        "Aus purem Gold, sagt Ihr?"

Neugierig erhob sich der Gast und kam zum Ausschank, wo ihm der Wirt die Münze zeigte.

        "Tatsächlich! Der Mann muss reich sein. Vielleicht ist es ein fremdländischer Händler, der hier seine Waren anbieten will."

        "Aber, so sagt mir, hat er dann seine Waren?"

        "Sicher hat er im Ostviertel ein Lager in einem Wagenhof gemietet. Heute kam doch ein großer Wagenzug aus Kobali an, nicht wahr? Vielleicht gehört er dazu."

        "Nein, nein", widersprach der Wirt, "das kann nicht sein. Die Kobalier tragen andere und auch viel buntere Gewänder, zudem ist ihre Haut dunkler. Dieser blasse Fremdling ist ganz bestimmt kein Kobalier."

        "Dann hat er sich dem Wagenzug erst unterwegs angeschlossen."

        "Das kann schon gut möglich sein. Doch irgendwie ist er mir unheimlich. In seinen Augen scheint ein allesverzehrendes Feuer zu brennen und doch spürt man in seiner Nähe einen unerklärlichen Hauch von Grabeskälte, wie bei einem aufgebahrten Leichnam."

        "Brrr!" Der Kaufmann schüttelte sich, "Es ist schon komisch, aber auch ich hab' diese Kälte gespürt, als er hereinkam. Auch sein unheimliches Aussehen ist mir sofort aufgefallen. Dürr und hager die Gestalt, bleich sein Gesicht, das fast dem eines Toten gleicht. Er sah aus wie ein Bote aus dem Reich der Schatten, in dem der Totengott Hede regiert."

        "Vielleicht ist er ein Dämon, der die Gestalt eines Menschen angenommen hat", flüsterte der Wirt ängstlich und warf einen scheuen Blick zum hinteren Flur, wo sich die Zugänge zu den Gästezimmern befanden.

        "Wer weiß, wer weiß", murmelte der Kaufmann, "vielleicht stimmt das sogar. Seid also besser auf der Hut vor diesem Finsterling."

 

 

Dem Wirt und seinem Gast wäre es wohl noch unwohler zumute gewesen, hätten sie gewusst, was hinter der Zimmertür des Fremden vor sich ging.

Als er die schwere Ekentür hinter sich verriegelt hatte, öffnete der Fremde seinen Beutel, legte seltsame Geräte und Figuren auf den hölzernen Fußboden und ordnete sie so an, dass sie die symbolhafte Figur eines Drachen bildete.

Nun kniete er vor dem Symbol nieder, kreuzte die Arme vor der Brust und verbeugte sich siebenmal, dass seine Stirn dabei die Figuren berührte. Dann legte er den Kopf in den Nacken und begann mit dumpfer Stimme Worte in einer fremden Sprache zu murmeln.

Unheimliches geschah daraufhin: gelblicher Nebel entstand über dem Symbol, breitete sich in gespenstischer Lautlosigkeit aus und hüllte schließlich den ganzen Raum ein. Grausige Visionen entstanden inmitten des Nebels, furchtbar anzusehende Gestalten erschienen und begannen den knienden Mann tanzend zu umkreisen. Allein ihr Anblick hätte einen normalen Sterblichen in den Wahnsinn getrieben.

Monoton und dumpf klangen die Worte aus dem Munde des Fremden, Worte aus einer uralten, längst vergessenen Sprache, die es schon gegeben hatte, lange bevor Menschen auf Eropan lebten - einer Sprache, die kein gewöhnlicher Sterblicher jemals erlernen konnte .....

 

 

Zur gleichen Zeit ereigneten sich seltsame Dinge draußen vor den Stadtmauern. Ein leuchtender Nebel stieg aus den um die Stadt gelegenen Feldern und kroch langsam auf die Mauern zu, bewegte sich wie etwas Lebendiges, gesteuert von unbegreiflichen Kräften. Und plötzlich ertönten geisterhafte Stimmen, die einen seltsamen Gesang erklingen ließen. Unheimlich und drohend, dann wieder süß und verlockend klang dieser Geistergesang, der durch die sternenlose Nacht hallte.

 

        "Was ist das?" rief ein Soldat, der auf der Stadtmauer Wache hielt.

Ein zweiter Mann gesellte sich zu ihm, der unruhig um sich schaute, als fühle er sich von unzähligen Augen beobachtet.

        "Ein Spuk", meinte er zu dem ersten, "Sieh', der Nebel macht vor der Mauer halt."

        "In der Luft ist ein Singen wie von Feen und Dämonen zugleich."

        "Soll ich Alarm geben?" fragte der eine und nahm sein Signalhorn zur Hand.

        "Nein, noch sehe ich keine wirkliche Gefahr. Aber wir sollten besser Ritter Klearchos verständigen."

 

Der zweite Mann wollte gerade davoneilen, um den Stadtkommandanten zu holen, doch dieser war längst geweckt worden und kam in diesem Augenblick mit mehreren Bewaffneten auf den Wehrgang geeilt.

        "Was geht hier eigentlich vor?" fragte er die Wachen.

        "Wir wissen es auch nicht, Herr Ritter. Es ist plötzlich dagewesen. Erst dieser leuchtende Nebel, dann kam noch dieser Geistergesang dazu."

        "Alarmiert die Stadtwehr. Aber blast kein Horn und läutet auch nicht die Glocken. Damit würden wir nur die Bürger verängstigen."

 

Nach und nach eilten die Männer der Stadtwehr auf Mauern, verteilten sich und nahmen ihre Posten ein. Angestrengt spähten sie in die Nacht hinaus und versuchten mit ihren Blicken den leuchtenden Nebel zu durchdringen, in dem jetzt schemenhafte Gestalten zu tanzen schienen.

Doch dann verstummte der Geistergesang schlagartig, und auch der Nebel war von einem Augenblick zum anderen spurlos verschwunden. Plötzlich war es still, totenstill.

Die Männer auf der Stadtmauer hielten den Atem an und lauschten angestrengt in die Nacht hinaus.

        "Es ist still wie in einem Grab", murmelte Ritter Klearchos leise, "Kein Tier ist zu hören, nicht einmal die Eulen rufen. Diese Stille ist fast unheimlicher als der seltsame Nebel."

 

DA  !

Auf einmal gellten grauenhafte Schreie durch die Nacht - Schreie, wie sie kein Mensch von sich geben konnte.

Kalte Schauer liefen den Männern der Stadtwehr über den Rücken, mancher griff nervös nach seinen Waffen.

Und dann war auch dieser Spuk vorüber; man konnte wieder die Stimmen des Nachtgetiers und das Rufen der Eulen hören.

Nichts erinnerte jetzt mehr an die unheimlichen Vorgänge.

 

 

Der Fremde im "Hahngold" verstummte. Sein Zimmer war urplötzlich wieder so normal anzusehen wie zuvor.

Er sammelte seine Utensilien wieder ein und verstaute sie wieder in seinem Beutel. Dann warf er seinen nachtschwarzen Umhang ab und legte sich auf der Schlafstatt nieder. Gähnend streckte er sich aus und schlief übergangslos ein.

 

 

Der Dieb Hagon schlich durch die nächtlichen Straßen von Stadt-Lippia; sein Ziel war die Schänke "Hahngold", wo ein reicher Ausländer eingekehrt sein sollte.

Inzwischen hatte sich die allgemeine Aufregung über den nächtlichen Spuk wieder gelegt, und die Stadt lag wieder in tiefem Schlaf. Nur einige Wachen patrouillierten in Dreiergruppen durch die Straßen. Geschickt wich der Dieb den Patrouillen aus und versteckte sich im Schatten der schmalen Seitengassen, wo er sich eng an die Hauswände presste und fast völlig mit dem Hintergrund verschmolz.

Hagon langte bei der Schänke an, sein Blick wanderte an der Hauswand entlang und blieb an einem der Fenster hängen.

Dort schlief jetzt der Fremdling - friedlich und ahnungslos.

Einer von Hagons Kumpanen war zufällig in der Schänke gewesen, als der Fremdling dort eingekehrt war. Er hatte gesehen, wie der Fremde mit einer Goldmünze aus seiner Börse bezahlt hatte.

Hagon ging davon aus, dass er im Zimmer des Fremden sicher noch mehr solcher Münzen finden würde. Und sollte sich der Mann dagegen zur Wehr setzen - nun - Hagon hatte schon kräftigere Männer ins Schattenreich befördert. Grinsend umfasste der Dieb den Griff seines Kurzschwertes, das in seinem Gürtel steckte. Wenn der Fremde klug war, würde er sich hüten, mit seiner Klinge Bekanntschaft zu machen.

 

Der Fenstersims lag nicht sehr hoch; Hagon konnte ihn mühelos mit den Händen erreichen. Mit kräftigem Ruck zog er sich hinauf und blieb auf dem Sims hocken. Vorsichtig drückte er gegen den Rahmen des Fensters - es war nicht verschlossen.

Hagon verzog sein Gesicht zu einem hämischen Grinsen; der Fremde war dümmer als er erwartet hatte.

Langsam drückte der Dieb das Fenster vollends auf und kletterte leise hinein.

Der Fremde lag auf dem Bett und schlief tief und fest.

Leise schlich Hagon zu ihm, ergriff ihn mit schnellem Griff an den Haaren und drückte ihm die Schneide seines Kurzschwertes an die Kehle. Der Fremde zuckte erschrocken zusammen, blieb jedoch regungslos liegen, als er die scharfe Klinge an seiner Kehle spürte.

        "Keinen Laut!" zischte der Dieb, "Sonst schlitze ich Euch den Hals auf."

Der Fremde drehte daraufhin ganz langsam den Kopf und blickte Hagon direkt an.

Plötzlich fühlte sich der Dieb von namenloser Furcht gepackt, wie gelähmt starrte er in die Augen des Fremden, in denen ein unheimliches Feuer zu brennen schien. Keuchend vor Entsetzen ließ Hagon seine Waffe fallen und wich zurück.

Die Augen des Fremden schienen immer größer zu werden, das Feuer darin kam immer näher - drohte ihn zu verschlingen.

Am ganzen Leibe zitternd wich der Dieb weiter zurück, bis er den kalten Stein der Wand in seinem Rücken spürte. Dann merkte er, wie etwas Fremdes, Unvorstellbares und Mächtiges nach seinem Geist griff. Hagon erlebte in diesen wenigen Augenblicken etwas derart Grauenvolles, dass sein Bewusstsein nicht fähig war, dies unbeschadet zu überstehen, dann verließ die fremde Macht seinen Geist.

Doch Hagon war nicht mehr in der Lage, darüber Erleichterung zu empfinden, denn er war schon längst nicht mehr er selbst.

Wimmernd sank er zu Boden, kroch wie ein Tier auf das Fenster zu, zog sich ächzend am Sims hoch und ließ sich einfach hinausfallen.

Draußen kroch er auf allen Vieren weiter über die schmutzigen Pflastersteine der Straße, ziellos und ohne jede Orientierung. Speichel tropfte ihm von den Lippen und lief ihm am Kinn herunter, ohne dass er es bemerkte.

So fanden ihn die Stadtwachen, die hier ihren Rundgang machten.

Vor ihren Füßen brach er endgültig zusammen und blieb dort seltsam verkrümmt liegen - wie ein zertretener Wurm.

Als sie ihm auf den Rücken drehten, um sein Gesicht erkennen zu können, war schon kein Leben mehr in ihm.

 

 

Der Grook kam durch die Höhlengänge gerannt und gelangte laut keuchend in eine domartige Grotte. Kraftlos sank er vor dem steinernen Thron nieder, auf dem schemenhaft die Umrisse einer menschenähnlichen Gestalt zu erkenne waren.

        "Mächtiger," wimmerte die Kreatur, "ein Magier ist nach Stadt-Lippia gekommen. Er besitzt die furchtbaren Kräfte der Alten, mit denen er viele von uns in der letzten Nacht vernichtet hat. Seine Macht ist der Euren gleich."

        "So?", grollte die Gestalt auf dem Thron, "Jemand wagt es, mir zu trotzen? Ich werde ihn zertreten wie einen Schlammwurm, wenn meine Zeit gekommen ist. Aber ich sehe ein, dass es gefährlich für meine niederen Sklaven ist, sich in der Nähe von Stadt-Lippia aufzuhalten, solange dort ein starker Widersacher weilt. Haltet euch also vorerst von der Stadt fern, bis unsere Stunde schlägt. Hier in den Randzonen von RHOOHY-KYARA seid ihr vorerst sicher, denn hierher kann niemand gelangen, der nicht zu den Völkern der dunklen Welten gehört."

        "Aber er kämpfte auch mit den Kräften der dunklen Alten", wimmerte der Grook, "Vielleicht kann er uns auch hier angreifen."

        "Ich werde ihn vernichten!" hallte die Stimme des Dämons durch die Höhlen, "Und mit ihm werden auch die lippischen Lords vergehen."

 

 

Mit ein paar gerüsteten Begleitern eilte Ritter Klearchos bereits in den frühen Morgenstunden zur Burg Südlippia, um dem Reichsfeldherrn Lord Manot von den seltsamen Ereignissen der Nacht zu berichten.

Sie wurden in die Burg eingelassen und kurz darauf stand der Ritter vor dem Lord, dem er die unheimlichen Vorgänge beschrieb.

Nachdenklich hörte sich der Lord den Bericht an.

        "Das kann nur dunkle Magie und böser Zauber gewesen sein," meinte er, "Von diesen Dingen verstehe und halte ich nicht viel. Bisher hat nichts mich dazu bewegen können, mich mit diesen Dingen mehr als nötig zu befassen. Es ist wohl besser, wenn Ihr Euren Bericht Lord Gregor vortragt, denn er versteht etwas von Zauberei und Magie. Schließlich war er länger als ich ein Schüler der Weisen von Uman. Und außerdem wurde er von einem hellebonischen Druiden unterrichtet. Geht also zu Lord Gregor, denn ich bin ein Krieger und kein Zauberer."

 

So verließ Klearchos die Burg und eilte zur nahegelegenen Lippburg, welche der Familien- und Stammsitz des Lord Gregor war.

 

        "Unheimliches ist in der Nacht geschehen", erzählte er diesem schließlich, "Leuchtender Nebel umgab die Stadt, ein Gesang wie von Feen und Dämonen zugleich ertönte und ließ uns allesamt erschauern. Dann herrschte wieder Grabesstille, plötzlich unterbrochen von grausigen Schreien, wie sie kein Mensch hervorbringen kann. Aber der ganze Spuk währte nicht lange. Auf einmal war alles wieder so ruhig wie zuvor. Später fand man jedoch einen Sterbenden in einer Seitengasse. Es war der Dieb Hagon, nach dem meine Wachen schon seit einigen Monden vergeblich gesucht hatten. Sein Antlitz war schrecklich verzerrt wie in namenloser Furcht. Der Mann muss Grauenvolles erlebt haben."

        "Um diesen Dieb ist es nicht schade," meinte der Lord, "Mich ärgert es nur, dass er unserer Gerichtsbarkeit entkommen ist. Doch die Geschehnisse der Nacht geben wahrlich Anlass zu nicht geringer Sorge. Ich werde die Weisen von Uman um Rat fragen müssen und sie bitten, die Stadt mit einem Schutzbann zu versehen, der uns vielleicht zu schützen vermag."

        "Glaubt Ihr denn, dass die Weisen dies vermögen?" fragte Klearchos zweifelnd, "Schließlich sind es mehr Philosophen als Zauberer."

        "Sie verstehen sich auf die Anwendung weißer Magie," meinte Gregor, "Und die Errichtung eines Schutzbannes dürfte ihnen nicht schwerfallen. Sollten wir ihre Hilfe brauchen, werden Sie uns nicht im Stich lassen."

 

 

Der Fremde erhob sich gemächlich von seinem Lager, wusch sich in einem in der Ecke stehenden Wasserbottich, den der Wirt noch am Abend zuvor hineingestellt hatte, und kleidete sich schließlich an. Dann hängte er sich mit umständlich anmutenden Bewegungen seinen Beutel um und ging hinunter in den Schankraum.

Dort kehrten der Wirt und seine Frau gerade den Boden mit gebundenen Reisigbesen. Schwitzend hielt der Wirt in seiner Arbeit inne und blickte den Fremden an. Dieser bemerkte sehr wohl die leise Furcht, die der Mann vor ihm verspürte, doch es kümmerte ihn nur wenig.

"Haltet mir das Zimmer frei", sprach er, "Ich werde zum Abendmahl zurückkommen."

Dann griff er in seinen Beutel und warf dem Wirt eine weitere Goldmünze zu, die dieser geschickt auffing und blitzschnell unter seiner Bauchbinde verschwinden ließ.

Ohne weitere Worte trat der Fremde zur Türe hinaus und schritt gemächlich die Straße entlang, während ihm der Wirt misstrauisch durch das Fenster nachspähte.

 

Langsamen Schritt ging er durch die engen Gassen, blieb hier und dort stehen, um die Häuser und Bauwerke in ihrer bunten Vielfalt zu betrachten und strebte dann den breiter angelegten Hauptstraßen zu.

Er kam an der Jaco-Kathedrale vorbei, betrachtete interessiert das kunstvolle Bauwerk und strebte dann dem Nikon-Tempel zu, in dem einst die "Magische Rose" aufbewahrt worden war, wie er durch eine Inschrift neben dem mächtigen Portal erfahren konnte.

Bewundernd wanderte sein Blick über die kunstvollen Mauerverzierungen des prunkvollen Gebäudes, in denen die besten Künstler und Steinmetze des Reiches Lippia ihr Talent verewigt hatten. Längst waren ihre Gebeine vermodert, doch ihr Werk bestand weiter und zeugte von ihrem unsterblichen Können.

 

Gemächlich wanderte der Fremde weiter durch die Straßen, in denen zu dieser Tageszeit reges Treiben herrschte.

Stadt-Lippia war eine reiche Handelsstadt, das Hauptquartier reicher Händler und das Ziel vieler schwerbeladener Wagenzüge, die in den großen Wagenhöfen im Ostteil der Stadt lagerten.

Hier lebten zudem zahlreiche Handwerker, Zimmerleute, Steinschleifer, Goldschmiede, Drechsler, Teppichknüpfer, Schneider, Weber, Färber, Maler, Glasbläser, Schuhmacher, Huf- und Waffenschmiede, sogar einige idaranische Porzellanhändler waren in der Stadt zu finden.

Der Fremde trat in enge und krumme Gassen; niedrige Häuser mit hölzernem Fachwerk säumten hier die Wege. Dazwischen lagen die kleinen Läden der Tuch- und Möbelhändler und die winzigen Kramläden, in denen verschiedenste Waren und Kuriositäten aus allen Teilen der Welt feilgeboten wurden.

Auf offener Straße arbeiteten Handwerker: Töpfer drehten ihre Scheiben, Schmiede schlugen die schweren Hämmer und Tischler sägten das knirschende Holz. Mädchen und Knaben tollten dazwischen umher und warfen sich im fröhlichen Spiel bunte Bälle zu.

Schließlich gelangte der Fremde zum Marktplatz und fand unter den großen Ashinbäumen, die wie grüne Arkaden den Platz schmückten, wohltuenden Schatten, denn die Zeit war schnell fortgeschritten und schwer lastete bereits die Mittagshitze auf der Stadt.

Überall erscholl das Kaufgeschrei der Markthändler: "Kauft Öl! Kauft Essig! Kauft Obst, Bohnen und Salz! Kauft frisches Fleisch und fette Gänse!"

Männer und Frauen, zuweilen von Dienern begleitet, gingen prüfend von Stand zu Stand und kauften ein. In der Mitte des Platzes hatte ein Töpfer seinen Tisch aufgestellt und bot seine Erzeugnisse an. Mannshohe Vorratsfässer standen neben zweihenkligen Amphoren, Mischkrüge mit weiten Öffnungen wurden feilgeboten und schön verzierte Vasen und Schalen, auf denen mit roter und weißer Farbe auf schwarzem Grund kunstvolle Bilder mit Darstellungen aus den Sagen und dem einfachen Alltagsleben gemalt waren.

Der Fremde wunderte sich, dass er nirgendwo einen Händler entdecken konnte, der Sklaven zum Verkauf anbot. Auf seiner Reise hierher war er auch in den lippischen Städten Arnbor und Geseka gewesen und hatte dort ebenfalls keinen Sklavenhändler entdecken können. Aber das waren kleinere Städte gewesen, in denen er sich auch nicht länger aufgehalten und umgesehen hatte. Aber dass es in einer so großen Stadt, noch dazu in der Hauptstadt eines mächtigen Reiches, keinen Sklavenmarkt gab, wie es in allen anderen Ländern üblich war, verwunderte ihn nicht wenig.

        "Erlaubt mir eine Frage", sprach er einen feisten Händler an, der an seinem Stand fleischige Trockendatteln aus Sali feilbot, "Ich kann hier nirgendwo einen Sklavenhändler finden. Könnt Ihr mir sagen, wo sie ihre Stände haben?"

Der Händler schaute ihn zuerst nur verblüfft an, dann lachte er belustigt auf.

        "Fremdling, Ihr werdet im ganzen Reiche Lippia keinen Sklavenhändler finden, es sei denn, auf dem Richtblock liegend oder am Galgen baumelnd. Ihr tätet auch besser daran, nicht noch einmal danach zu fragen, denn das könnte Euch in Schwierigkeiten mit der Stadtwache bringen, auch wenn Ihr vielleicht unsere Gesetze nicht kennt."

        "Aber gibt es denn keine Sklaven in diesem Land?" wunderte sich der Fremde.

        "Ich will es Euch erklären, Fremdling", meinte der Dattelhändler, "obwohl meine Zeit kostbar ist. Aber offensichtlich kommt Ihr von sehr weit her und kennt die lippischen Gesetze nicht. Es gibt im ganzen Reich Lippia keine Sklaven und keine Sklavenhändler, weil das Gesetz der Lords die Sklaverei verbietet. Früher gab es noch Sklavenhändler, aber dann begannen die Reiter des Lord Rikard, jeden Sklaventreck zu überfallen, die Sklavenhändler auf ziemlich grausame Weise umzubringen und die Sklaven zu befreien. Viele dieser befreiten Sklaven sind heute die Besten unter Lord Rikards Reitern. Schließlich trauten sich keine Sklavenhändler mehr über die lippischen Grenzen und die Sklavenmärkte wurden leer. Dann einigten sich die Lords und erließen ein Gesetz, das die Sklaverei verbietet. Wer es wagt, dagegen zu verstoßen, ist dem Tod geweiht. --- Möchtet Ihr nun ein paar Datteln kaufen?"

        "Seltsame Sitten herrschen in diesem Land", murmelte der Fremde, kaufte einen Beutel voller Datteln und ging weiter.

        "Ein komischer Kauz", dachte der Händler, als er dem Fremden neugierig nachblickte, "Ich hätte ihn fragen sollen, woher er gekommen ist."

 

Indessen schaute der Fremde einem jungen Maler zu, der am Rande des Marktes eifrig an einem fast fertigen Bild arbeitete. Man sah auf den ersten Blick, dass der Jüngling ein recht begabter Künstler war.

        "Für wen malt Ihr dieses Bild?" fragte ihn der Fremde.

        "Für den Grafen Deichos von Waldau", lautete die Antwort.

        "Ist das ein Edler dieses Landes?"

        "Aber nein", antwortete der Künstler, "Graf Deichos ist der Herrscher von Waldau, einem kleinen Land an der hellebonischen Küste. Er sammelt neben alten Schriften auch Gemälde von allen Städten Eropans."

        "Verzeiht, wenn ich Euch lästig sein sollte", sprach der Fremde, "aber würdet Ihr mir den Wunsch erfüllen, mir mehr über das Reich Lippia zu erzählen? Ich bin von weither gekommen und war noch niemals zuvor in diesem Land."

        "Warum sollte ich eine solche Bitte abschlagen?" meinte der Künstler, "Es wäre doch nicht gut, wenn ein Besucher von meiner Heimat enttäuscht würde. Ihr könnt mir dafür etwas von Euren Reisen erzählen. Kommt mit mir und seid mein Gast, denn die Stunde des Brotes beginnt gleich. Wir gehen in die Schänke der "Drei Krieger" - sie gehört meinem älteren Bruder, der uns sicher gut bewirten wird."

 

Der Fremde folgte dem jungen Mann in das genannte Gasthaus, wo sie sich an einen der hinteren Tische setzten, wo sie ungestört reden konnten.

Der Bruder des Malers deckte ihnen frisch gebratene Fasane auf, die sie sich genussvoll munden ließen.

 

        "Und nun erzählt mir mehr über dieses Land", forderte der Fremde den jungen Mann auf, nachdem sie gespeist und anschließend einen Krug voll kühlem Krii-Met vor sich stehen hatten.

        "Aber gern. Was wollt Ihr zuerst wissen?"

        "Zuerst beantwortet mir diese Frage: Was bewog Euch, mich ohne weiteres einzuladen, wo doch alle anderen Menschen Scheu vor mir zeigen und mir mit Misstrauen begegnen?"

        "Ihr habt mich ganz einfach neugierig gemacht", antwortete der Künstler, "Ich spüre sehr wohl diese seltsame Kälte, die Euch wie ein unsichtbarer Mantel umgibt, aber gerade das erweckt meine Neugier. Ich glaube nämlich, dass Ihr ein Magier seid, von dem ich sicher vieles erfahren kann."

        "Erzählt mir zuerst etwas", wich der Fremde aus, "Gibt es hier bestimmte Klassenunterschiede in der Bevölkerung, die einer hierarchischen Ordnung von Ständen oder Kasten unterliegen? "

        "Aber ja", meinte der junge Mann, "An erster und oberster Stelle stehen die fünf Lords, ihnen als nächstes stehen die Ritter, danach die Reichsdiener, dann die Bauern und Bürger und schließlich die Leibeigenen. Die fünf Lords regieren das Reich mit Hilfe der Ritter der Magischen Rose, deren Orden sie selbst angehören und führen. Diese Ritter sind die Statthalter der größeren Städte und die Befehlshaber der Burgen und Festungen. Einige von ihnen sind mit Ministerämtern betraut, welche die Ordnung und das Bestehen des Reiches sichern. So gibt es unter ihnen einen Trossmeister, der für den Straßenbau und das Transportwesen verantwortlich ist, einen Waffenmeister, der alle Waffenschmieden im ganzen Reich überwacht und darauf achtet, dass die dort geschaffenen Waffen nicht in unbefugte Hände geraten. Weiter gibt es einen Seeritter, der die Flotte befehligt und auf die Einhaltung der Seerechte im Seegebiet vor den Küsten des Reiches achtet, einen Scharfrichter, dem die Gerichtsbarkeit untersteht und schließlich den Schatzmeister, welcher die Steuern einzieht und den Reichsschatz verwaltet."

        "Gibt es keine anderen Edelleute?"

        "Doch, es gibt noch Angehörige des alten Adelsstandes, der aber von den Lords entmachtet wurde. Diese Adligen verfügen zwar noch über einen Teil ihrer alten Besitztümer, dürfen jedoch nicht mehr in die Geschicke des Reiches eingreifen."

        "Und wer erlässt die geltenden Gesetze?" fragte der Fremde.

        "Natürlich die Lords. Sie erlassen die Gesetze mit Hilfe ihrer Ritter und lassen sich dabei von den ehrwürdigen Weisen von Uman beraten. Selbstverständlich führen die Lords auch die lippischen Streitkräfte. Der Kriegslord des Reiches ist der Lord Manot von Mont-Abur."

        "Wer sind denn die Weisen von Uman?"

        "Die Weisen sind gelehrte Druiden und Philosophen, die ihr Leben den geistigen Künsten, der Heilkunst, dem Wissen und der weißen Magie gewidmet haben. Sie leben im unterirdischen Tempel von Uman."

        "So sind es Magier?"

        "Ja, ich glaube, dass es Magier sind. Es heißt, dass sie die schwarze Magie der Dämonen bekämpfen. Sie bilden auch unsere Lehrer aus, die in den Schulen unsere Kinder unterrichten."

        "Wovon lebt die Bevölkerung?"

        "Vom Handel, von der Landwirtschaft, von der Herstellung von Waffen und Gerätschaften, vom Städtebau und vom Transport und Verkauf von Gütern in fremde Länder. Auch Erze, Gold und Edelsteine werden dem Erdboden entrissen oder aus dem Fels gehauen."

        "So ist Lippia ein reiches Land?"

        "Das will ich wohl meinen. Lippia ist wahrhaftig reich und es gibt daher auch sehr viele Neider jenseits der Grenzen."

        "Aber es gibt doch auch hier sicher Arme, Kranke und Gebrechliche. Für diese muss doch auch jemand sorgen."

        "Das ist die Aufgabe der Ritter und ihrer Bediensteten. Wer nichts zu essen hat, bekommt immer etwas im Brothaus des Stadtkommandanten, damit er nicht hungern muss. Wer eine Arbeit braucht, dem wird sie durch die Gehilfen der Ritter verschafft, denn in diesem Land werden immer Arbeiter auf den Feldern oder an den Bauwerken gebraucht. Und es gibt natürlich auch Krankenhäuser, wo den Kranken von den Heilkundigen geholfen wird."

        "Aber was ist mit denen, die nicht arbeiten können und so keinen Broterwerb haben?" bohrte der Fremde weiter.

        "Für diese müssen zuerst ihre eigenen Familien sorgen", antwortete der Künstler, "Erst wenn sie keine Angehörigen mehr haben, die ihnen helfen können, werden sie von den Priestern in ihre Häuser aufgenommen. Die Kosten für den Unterhalt dieser Bedauernswerten werden von den Abgaben bezahlt, die jeder Lippier zu entrichten hat. So dienen die Abgaben auch einem guten Zweck. Wir Lippier sind sehr stolz darauf, hier ein solches Gemeinwesen zu haben."

        "Und welche Feinde hat dieses Land?"

        "Vor allem die Reiche Delema und Hambonia im Norden sind uns gar nicht gut gesonnen. Vor kurzem gab es sogar Krieg mit ihnen, aber die Lords und ihre Krieger haben mit Hilfe der verbündeten hellebonischen Stämme die feindlichen Heere geschlagen."

        "So hat Lippia also ein starkes Heer, mit dem es sich zu schützen weiß?"

        "Natürlich, und unser Kriegsvolk ist noch niemals besiegt worden, seit es Lippia gibt."

 

Der Fremde stellte noch viele Fragen, die der junge Maler bereitwillig beantwortete. Dann zog der Abend herauf, und der Jüngling bat nun den Fremden, ihm jetzt von seinen Reisen zu erzählen. Doch der Fremde wich ihm aus und bewirkte mit seinen unheimlichen Kräften, dass der junge Mann plötzlich den Kopf auf den Tisch sinken ließ und friedlich einschlief. Er würde sich nach dem Erwachen nicht mehr an ihre Unterhaltung erinnern können.

Unauffällig verließ der Fremde die Schänke und eilte zurück zu seinem Nachtquartier.

 

 

Er stand am nächsten Morgen recht früh auf, denn er hatte am Vortage erfahren, dass an diesem Tag ein öffentliches Gericht auf dem Marktplatz stattfinden sollte. So war er schon kurz nach dem Morgenmahl auf dem Wege dorthin. Mit ihm strömten auch andere Leute bereits zum Markte, um einen guten Zuschauerplatz zu ergattern.

Es war ein warmer, sonniger Morgen, die Strahlen der Morgensonne ließen die vergoldeten Inschriften über den Hauseingängen aufblitzen und funkeln. Farbenfroh schimmerten die bunten Fassaden der Fachwerkhäuser, von denen einige sogar bis zu drei Stockwerke besaßen.

 

Auf einem Karren wurden drei Männer herangefahren und auf dem Platze heruntergezerrt. Alle drei waren in schwere Ketten gelegt, deren Gewicht sie krumm und gebückt gehen ließ. Einer der drei trug vornehme und kostbare Kleidung, die jedoch unter der groben Behandlung gelitten hatte. Sicher war es ein Edelmann, den man bei einer Untat ertappt hatte.

 

        "Wessen werden sie beschuldigt?" fragte der Fremde einen der Nebenstehenden.

        "Die beiden Lumpen dort stahlen einem Kaufmann seine ganze Habe. Der Vornehme da soll eine Frau überfallen haben."

 

Jetzt ertönten helle Fanfarenklänge - die Köpfe der Leute flogen herum und alles starrte auf die drei Ritter, die auf stampfenden Rossen auf den Platz geritten kamen.

        "Wer sind diese Gerüsteten?" fragte der Fremde seinen Nachbarn wieder.

        "Das sind Ritter Klearchos von Stadt-Lippia, Ritter Bukor von Friedburg  und Ritter Gabriel - der oberste Scharfrichter des Reiches, welcher hier in der Hauptstadt residiert."

 

Die Reiter zügelten ihre Pferde, blieben jedoch im Sattel, um von dort aus Gericht zu halten.

        "Wessen sind diese Männer angeklagt?" rief Ritter Gabriel mit lauter Stimme, "Wer gegen sie Klage erhebt, der soll jetzt vortreten!"

Ein Mann in der Kleidung der Kaufmannsgilde, trat vor und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die beiden zerlumpten Wegelagerer.

        "Diese beiden Strolche überfielen meinen Vetter in der Nähe von Geseka und raubten ihn bis aufs Hemd aus, nachdem sie ihn und seinen Diener niedergeschlagen hatten. Des Glückes Geschick wollte es, dass eine Gruppe von Feldarbeitern des Weges kam und die beiden überwältigen konnten."

        "So wurdet ihr auf frischer Tat erwischt", meinte Ritter Gabriel zu den beiden Raubgesellen, "Ihr könnt euch glücklich schätzen, den Kaufmann und seinen Diener nicht getötet zu haben, denn euer Leben wäre nun verwirkt. So aber sollt ihr am Leben bleiben, doch es wird euch die Strafe treffen, die allen Räubern und Dieben gebührt. Ergreift sie!"

Die beiden wurden von Soldaten gepackt und festgehalten. Einer der Bewaffneten zog sein Schwert.

        "Schlagt beiden die rechte Hand ab und jagt sie aus der Stadt."

Verzweifelt um Gnade flehend wanden sich die beiden in den derben Fäusten der Stadtsoldaten, doch ihre Schrei waren vergebens. Zwei schnelle Schwerthiebe fielen, dann lagen die rechten Hände der beiden auf dem Steinpflaster des Platzes. Wimmernd sanken die beiden zu Boden, sofort von Tritten und Schlägen wieder hochgetrieben. Nachdem man die Wunden ihrer Armstümpfe mit Feuer und heißem Pech versiegelt hatte, nahm man ihnen die Ketten ab. Dann wurden sie von mehreren Knechten durch die Straßen zur Stadt hinausgeprügelt, wo man sie ihrem Schicksal überließ.

Als die beiden Wegelagerer fort waren, wandte sich Gabriel dem dritten Gefangenen zu.

        "Wessen wird dieser Mann beschuldigt?" wollte er wissen, worauf ein alter Mann vortrat, gestützt auf einen Stock, den Rücken von der Last der Jahre gekrümmt.

Mit zittriger Hand wies er auf den Geketteten und rief anklagend: "Dieser Lump fiel über meine Enkelin her wie ein wildes Tier, dass sie ihm mit der Schönheit ihres Leibes zu willen sei. Als sie sich wehrte, schlug er ihr das Gesicht blutig und schändete sie vor meinen Augen. Ich konnte ihr nicht helfen, obgleich ich es versuchte. Doch mein Arm ist zu schwach und mein Haupt zu grau, als dass ich ihm Einhalt gebieten konnte. Er schlug mich nieder, und so musste ich hilflos zusehen, wie dieser Hund über das Mädchen herfiel."

 

Einen Augenblick lang herrschte Totenstille auf dem Platze, dann aber brandete wütendes Geschrei auf, Fäuste wurden grimmig emporgereckt, und die Soldaten hatten arge Mühe, die aufgebrachte Menge zurückzuhalten.

        "Haltet ein, Leute!" brüllte der Ritter Bukor, "Bewahrt Ruhe!"

Nur allmählich beruhigte sich die Menge, manche Drohung, mancher grimmige Fluch wurde dem Angeklagten entgegengeschleudert, und so mancher in der Menge wäre ihm nur zu gern an die Kehle gegangen.

        "Gibt es noch weitere Zeugen dieser Schandtat?" fragte der Scharfrichter.

Zwei kräftige Männer, deren lederne Schürzen sie als Schmiede auswiesen, traten vor.

Einer von ihnen erklärte: "Wir haben in unserer Schmiede an der Ostmauer gearbeitet, als wir die Schreie des Mädchens und die Hilferufe des Alten hörten. Als wir hinzu eilten, sahen wir den Kerl über dem Mädchen und packten ihn, bevor er nach seinem Schwert greifen konnte. Nachdem wir ihn ordentlich verprügelt hatten, übergaben wir ihn der Stadtwache."

        "Ihr habt Eure Pflicht getan, und ihr tatet recht daran", meinte der Richter und wandte sich dem Gefangenen zu.

        "Habt Ihr noch etwas zu Eurer Verteidigung zu sagen? Sprecht schnell, denn viel Zeit bleibt Euch nicht mehr."

        "Ihr habt kein Recht, über mich zu richten!" rief der Mann mit schriller Stimme, "Ich bin von königlichem Blut, denn mein Oheim ist der König von Imai. Er wird sehr erzürnt sein über die Behandlung, die seinem Verwandten hier widerfährt."

        "Eure hohe Abkunft ist hier ohne Bedeutung", erwiderte Ritter Gabriel unbeeindruckt, "Ihr habt die Gesetze des lippischen Reiches missachtet und werdet dafür büßen müssen. Ihr habt nicht nur den Leib einer jungen Frau geschändet, sondern auch ihre Seele so tief verletzt, dass diese Wunde in ihrem Innern vielleicht nie mehr heilen wird. So soll Euch die Strafe treffen, mit der eine solche Schandtat in diesem Lande geahndet wird. Es soll Euch noch in dieser Stunde Eure Männlichkeit und Euer Augenlicht genommen werden. Denn nur so haben wir die sichere Gewähr, dass Ihr nie wieder eine solche Tat begehen könnt."

Der Verurteilte schrie protestierend auf und gebärdete sich wie ein Rasender, um dem festen Griff der Henkersknechte zu entkommen. Doch so sehr er auch schrie und zappelte, schnell schleifte man ihn zu einem klobigen Tisch, auf dem er festgeschnallt wurde. Ein Mann in der Tracht eines Chirurgen näherte sich dem Tisch mit seinen scharfen Schneidewerkzeugen. Wenige Augenblicke später verwandelte sich das Geschrei des Verurteilten in ein unartikuliertes, schrilles Heulen......

 

 

Im Norden des Reiches geschahen indessen schwerwiegende Dinge, welche die machtpolitische Lage auf dem Kontinent Eropan nicht unbeträchtlich beeinflussten.

 

Hell klang das Horn des Turmwächters der Festung Schwanenwehr, der Feste des Lord Rikard, welche zugleich die nördlichste Befestigung des Reiches Lippia war und den Reitern der "Rikardschen Wölfe" als Stützpunkt diente.

        "Wachen heraus!" brüllte ein Obrist, "Ein Reitertrupp kommt aus dem Norden heran!"

In Windeseile rannten Bogenschützen auf die äußeren Wehrgänge und nahmen Aufstellung.

        "Es sind mesanische Reiter!" rief der Späher auf dem höchsten Turm, der dem herankommenden Trupp mit Hilfe eines Fernrohres entgegenstarrte, "Ich kann ihre Wappen erkennen!"

 

Die Reiter gelangten vor dem Außentor an, auf schweißgebadeten Rössern, deren Nüstern sich blähten und deren Flanken vor Anstrengung und Erschöpfung zitterten. Erschöpft waren auch die Reiter, zusammengesunken hingen sie in den Sätteln, mit letzter Kraft hielten sie sich auf den Rücken ihrer Reittiere. Zerrissen war ihre Kleidung, zerschrammt ihre Rüstungen, die Schilde zerhauen und schartig ihre Schwerter, an denen noch eingetrocknetes Blut klebte, das auch an ihrer Kleidung zu sehen war.

        "Es ist Fürst Deneka von Mesana!" rief der Obrist der Torwache.

 

        "Öffnet das Tor!" rief draußen der vorderste Reiter, "Lasst uns ein um der Barmherzigkeit willen!"

Langsam wurde das schwere Eisentor geöffnet und ließ die Reiter in das Innere des Vorwerkes, wo sie warten mussten, bis sich auch das zweite Tor vor ihnen auftat und sie endlich in den äußeren Hof der gewaltigen Festung gelangen konnten. Dort blieben die Pferde mit gesenkten Köpfen stehen, mehrere der Reiter hatten nicht mehr die Kraft, sich noch länger im Sattel zu halten und ließen sich todmüde zu Boden sinken, wo sie von herbeieilenden Bediensteten aufgehoben und gestützt wurden.

Siebenundzwanzig Reiter aus Mesana waren es, die zum Teil ins innere Bollwerk getragen werden mussten, weil ihnen die Beine den Dienst versagten. Man brachte sie in einen Schlafsaal, wo man sie auf Lager bettete, die schnell für sie freigemacht wurden. Die Erschöpften sanken sofort in tiefen Schlaf, fast alle hatten tiefe Wunden, die sogleich von den Wundärzten der Festung versorgt wurden. Nur Fürst Deneka wollte sich nicht sogleich verbinden lassen.

        "Holt Lord Rikard", bat er mit matter Stimme, "Ich muss ihm berichten, was in Mesana geschehen ist."

Ein Knappe rannte wieselflink los, um den Lord zu holen, doch dieser hatte bereits von den Vorgängen erfahren und kam in diesem Augenblick herein.

        "Fürst Deneka!" rief er überrascht, "Was ist Euch widerfahren. Seid Ihr überfallen worden?"

        "Edler Lord", stöhnte der Verwundete, "Es ist Schlimmes geschehen in meinem Land, dessen Erde vom Blut meiner Krieger getränkt und von den Flammen des Krieges verbrannt wurde. Die Könige Crishan von Hamborna und Harnok von Kaltekima sind mit mächtigem Heerbann über unsere Grenzen marschiert, um uns zu überfallen und unter ihre Herrschaft zu zwingen. Zu groß war die Überraschung und zu gering die Zahl unserer Krieger, um den Eroberern Einhalt gebieten zu können. Fast fünfundzwanzigtausend hambonische Soldaten standen meinem kleinen Heer von dreitausend Männern gegenüber. Einer solchen Übermacht konnten wir nicht standhalten, und so sanken meine Krieger auf der Walstatt vor Burg Mesas nach tapferem Kampfe nieder und tränkten die Erde meiner Heimat mit ihrem Blut. Burg Mesas ging in Flammen auf. Nur mir und meinen letzten Getreuen gelang die Flucht in die Wälder, nachdem alles verloren war. Nur an die zweihundert Männer waren mir geblieben - hier seht Ihr die letzten von ihnen. Bei dem Dorf Ale holten uns die Feinde ein und griffen uns abermals an. Nur diese Handvoll tapferer Männer überlebten diesen Kampf. Wir konnten abermals fliehen und schlugen uns mitten durch feindliches Land bis hierher durch, um Euch, die mächtigen Lords von Lippia zu bitten, uns bei der Befreiung unseres Landes zu helfen."

Ermattet verstummte Fürst Deneka und sank zurück auf das Lager, wo ihn barmherziger Schlaf in seine Arme nahm.

 

 

Der geheimnisvolle Fremde war von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden.

Im "Hahngold" hatte niemand ihn fortgehen sehen - dem Wirt war das allerdings alles andere als unrecht. Er war froh, den unheimlichen Finsterling losgeworden zu sein, der schon begonnen hatte, ihm die Gäste allein durch seine Anwesenheit zu vergraulen.

 

In Stadt-Lippia herrschte in diesen Tagen rege Betriebsamkeit; man richtete die Stadt für ein großes Fest her, zu dem die Edlen von Lippia und dem benachbarten Reich der Hellebonen geladen waren, um den Tag der Geburt des Lord Albertin zu feiern.

Auch die Bürger und Bauern in und um Stadt-Lippia hatte man zu diesem Fest geladen, und so legte jeder mit Hand an, um die Häuser und Straßen herauszuputzen und zu schmücken. In einer Wochen schon sollten die Feierlichkeiten beginnen und bis dahin sollte sich die Hauptstadt des lippischen Reiches in ihrem prächtigsten Gewande zeigen.

Maler rührten emsig ihre Farben und bestrichen die Fassaden mit frischem und farbenfrohem Anstrich. Zimmerer erneuerten morsches Gebälk, Steinmetze restaurierten die Verzierungen an den Mauern der Tempel, Schneider nähten bunte Wimpel und Fahnen, und Frauen putzten eifrig die Fensterscheiben aus geschmolzenem Quarz, dass sich Vorübergehende darin spiegeln konnten.

Die Gärtner beschnitten die Bäume und Hecken, pflanzten neue Rosenstöcke und scherten das Gras der Rasenflächen in den Parks, die sonst den Bürgern der Stadt zum Lustwandeln dienten.

 

 

Lord Rikard, die mesanischen Flüchtlinge und dreißig Reiter von den "Wölfen" hatten sich auf den Weg nach Burg Akaze gemacht, nachdem die Wunden der Mesaner behandelt und sie sich von ihren Strapazen erholt hatten.

Boten waren ihnen vorausgeeilt, um die anderen Lords die Kunde vom Krieg in Mesana zu überbringen.

So waren alle lippischen Lords auf der Burg Akaze versammelt, als Rikard mit seinen Begleitern dort eingetroffen war und Fürst Deneka sein Ersuchen um Waffenhilfe noch einmal vorbrachte.

Wieder berichtete der geschlagene Fürst von Mesana von seiner bitteren Niederlage und endete schließlich mit den Worten: "... und so bitte ich Euch, edle Herren, um Waffenhilfe für mein Volk, um Hambonias Joch abzuschütteln und Rache zu nehmen für die Toten, der Blut nach Sühne schreit."

 

Betretenes Schweigen machte sich breit, keiner der fünf Lords wusste, was er dem Fürsten antworten sollte.

Doch schließlich ergriff Albertin das Wort: "Edler Fürst von Mesana. Euer Vertrauen in unsere Stärke ehrt uns, doch es wäre eine Torheit, würden wir nach Mesana ziehen und dort Krieg gegen Hambonia führen. Zu weit ist Mesana, als dass wir unsere Soldaten dort versorgen könnten. Mitten durch feindliches Gebiet würde unser Heer ziehen müssen, und ein langjähriger Krieg, der Blut und Leid über Lippia brächte, wäre die Folge."

        "Was schert uns denn Mesana?" fuhr Lord Manot grob dazwischen, der nicht viel von diplomatischem Herumgerede hielt und lieber direkt zur Sache kam, "Liegt dieses Land an unseren Grenzen? Sind wir Mesana durch ein Bündnis verpflichtet? Hat uns Mesana einen Dienst erwiesen, dass wir ihm Dank schulden? Und was würden wir für einen solchen Feldzug zahlen müssen? Ist Mesana ein solches Opfer wert? Zu kurz ist erst die Zeitspanne, die seit dem letzten Krieg gegen Delema vergangen ist. Wir müssten zu teuer mit dem Blut unserer Krieger bezahlen, wenn wir für Mesana einen aussichtslosen Krieg führen."

        "Wie könnt Ihr solche Worte von Euch geben?" empörte sich da Lord Gregor, "Schreit nicht das Blut der Erschlagenen nach Vergeltung? Ist es nicht unsere heilige Pflicht, dem Volk von Mesana zu helfen?"

        "Bedenkt bitte, was geschehen würde, wenn wir nach Mesana ziehen würden", warf Lord Albertin ein, "Würde nicht der Feind sogleich brennend und mordend in Lippia einfallen, und würde nicht auch König Urban von Delema sofort die Gelegenheit beim Schopfe packen, um uns in den Rücken zu fallen? Er sinnt ohnehin auf Rache für seine Niederlage vor Delmoda."

        "Trotzdem bin auch ich dafür, Mesana zu befreien", sprach jetzt Lord Michaelis, "Das Reich wird nicht ungeschützt sein, wenn unsere Truppen in Mesana kämpfen, denn es würden genügend Streiter zurückbleiben, um die Grenzen zu schützen. Außerdem gibt es noch die bewaffneten Landbünde und die Bürgerwehren der Städte."

        Seid doch nicht einfältig, Michaelis", widersprach ihm Manot, "Für einen Krieg in Mesana würden wir alle verfügbaren Streitkräfte brauchen und könnten nur wenige Truppen zurücklassen. Und die Land- und Stadtwehren könnten nur die befestigten Dörfer und Städte eine Zeitlang verteidigen. Es sind Bauern, Handwerker und Kaufleute, die nicht das Waffenhandwerk erlernt haben und niemals gegen ein kampferprobtes Heer bestehen könnten."

        "Es ist für niemanden von Nutzen, wenn wir noch lange darüber reden", meinte Lord Gregor, "Lasst uns also eine Entscheidung treffen und darüber abstimmen. Wer für die Befreiung Mesanas ist, der hebe seine Hand."

Doch nur er selbst und Michaelis erhoben zustimmend die Hände.

        "Und wer ist gegen einen solchen Feldzug?"

Nun hoben Albertin und Manot die Rechte.

        "Lord Rikard, wie entscheidet Ihr Euch?" fragte Albertin, "Bisher habt Ihr nichts von Euch vernehmen lassen. Nun  wird Eure Stimme den Ausschlag geben."

Gespannt warteten die anderen auf die Entscheidung Lord Rikards, besonders Fürst Deneka blickte ihn hoffnungsvoll an, glaubte er doch, fest mit der Unterstützung des Lords von Schwanenwehr rechnen zu können.

Doch dieser blickte mit steinerner Miene in die wartende Runde und erklärte: "Auch ich kann einem solchen Kriegszug nicht zustimmen. Zu groß wäre die Gefahr einer vernichtenden Niederlage und zu wenig bedeutet uns Mesana, als dass wir ein solches Wagnis eingehen könnten."

Für eine Weile war es still, dann sprach Fürst Deneka voller Enttäuschung: "Wenn das mächtige Lippia uns seine Hilfe verweigert, ist Mesana verloren. Und so bleibt mir und meinen letzten Getreuen nichts anderes übrig, als heimzukehren und kämpfend unterzugehen. Ich glaubte, ich würde hier Freunde und Helfer finden, doch bitter wurde ich enttäuscht. Hier ist kein Platz, an dem ich länger verweilen kann. Ihr sollt wissen, dass ich Euch verachte, Lords von Lippia!"

Grußlos wandte sich der Fürst ab und schritt stolz erhobenen Hauptes hinaus. Noch in der gleichen Stunde verließ er mit seinen Getreuen die Burg Akaze.

Man sollte sie niemals wiedersehen, denn schon auf dem Wege in die Heimat wurden Fürst Deneka und seine kleine Schar von hambonischer Reiterei gestellt und niedergemacht.....

 

 

In Stadt-Lippia hatte das große Jubiläumsfest begonnen.

Die Lords des Reiches und ihre Ritterschaft ritten mit prunkvollem Gefolge in die Stadt hinein, gewandet mit goldenen Rüstungen und prachtvollen Gewändern. Der prunkvoll schimmernde Zug zog mit flatternden Fahnen, Standarten und Wimpeln, glänzenden Wappenschilden und schmetterndem Fanfarenklang durch die bunt geschmückten Straßen zur Jaco-Kathedrale, in deren Hallen die Feierlichkeiten stattfinden sollten.

Schaulustige drängten sich in den Straßen, um sich das farbenprächtige Schauspiel nicht entgehen zu lassen.

Vor der Kathedrale stiegen die Edlen von ihren Rossen und schritten gemessen durch das mächtige Portal, wo sie sich im Saal der Magischen Rose an den festlich aufgetischten Tafeln niederließen. Hinter ihnen zogen die Gefolgsleute, Tribune und Obristen des Heeres ein und begaben sich zu ihren Plätzen an der großen Festtafel. Dann kamen die Würdenträger und die bedeutenden Handwerker, Kaufleute, Künstler und Weisen der Stadt.

Die anderen Bürger mussten mit den für sie bereitgestellten Tischen und Bänken auf den Plätzen rund um die Kathedrale vorlieb nehmen, denn im Festsaal war nicht genug Platz für alle.

Doch noch konnte das Fest nicht beginnen, denn noch waren die Ehrengäste nicht eingetroffen: die Fürsten von Hellebona und Graf Deichos von Waldau, die als langjährige Bundesgenossen Lippias natürlich ebenfalls zum Feste geladen worden waren.

Endlich hörte man draußen schmetternde Hornklänge, mit denen die Ankunft der Gäste angekündigt wurde.

Die Fürsten von Hellebona zogen mit zwei Dutzend ihrer barbarisch anmutenden Krieger vor das Portal der Jaco-Kathedrale, stiegen von ihren schnaubenden Rossen, die mit kunstvoll bestickten Decken behängt waren und schritten mit stolzer Haltung in den Saal hinein.

 

Der Zeremonienmeister erhob seine Stimme, um sie anzukündigen:

        "Fürst William von Helleb, Herr von Kasselon und der Festungen Helleb und Schelo. Fürst Erlok von Twerene, Herr der Festungen Kimon und Hombar."

Die Barbarenfürsten trugen auf den eisernen Helmen die fußlangen Schwingen des schwarzen Golvogels. Vom Rücken floss ihnen das Fell des Riesenbären, deren Vordertatzen vorn über den Harnisch herabhingen, gehalten von breiten Erzringen. Eisendrahtgeflochtene Waffenröcke, die bis an die Knie reichten, wurden durch breite, muschelbesetzte Gurte aus Panthirenfell um die Hüften gehalten, Arme und Beine waren nackt, doch von breiten Goldringen geschmückt und geschirmt zugleich. Mächtige Breitschwerter hingen an stählernen Ketten an ihren Seiten, in der Rechten hielten beide harpunengleiche, lange Speere.

 

Wieder erklang die Stimme des Zeremonienmeisters:

        "Graf Deichos von Waldau, welcher die alten Schriften studiert und ergänzt, um das Wissen alter Zeiten auch für die kommenden Generationen zu erhalten."

 

        "Spielt auf, Musikanten!" rief Lord Rikard den wartenden Barden zu, worauf diese ihre Instrumente stimmten und kurz darauf den Saal mit wohltönender Musik erfüllten.

Der purpurne Vorhang eines Seitenganges öffnete sich, und heraus trat eine schöne Frau, dessen durchsichtige Tanzkleidung die Vollkommenheit ihres schlanken Körpers kaum verhüllte.

Langes, goldblondes Haar floss in weichen Wellen über ihre Schultern, ihre Augen schienen im Feuer der Leidenschaft zu strahlen. Gemessen und sinnlich bewegte sie sich im Takt der Musik, worauf die Männer begeistert zu klatschen begannen.

Ihre Hände bewegten sich über die Schenkel, ihre Schultern hoben und senkten sich, die Hände strichen über die festen Brüste, die Hüften zuckten rhythmisch. Langsam drehte sich die Tänzerin herum, löste den durchsichtigen Schleier von ihren Hüften und tanzte mit wiegenden Bewegungen im Kreis. Sie streifte auch den Stoff von ihren Schultern, wo er an einer goldenen Halskette gehangen hatte, schwenkte mit ausgebreiteten Armen den Umhang, wirbelte dann schnell wie ein Wirbelwind über den glatten Marmorboden. Langsamer werdend bewegte sich die Frau dicht vor den Männern, tanzte zwischen den Tischen von Gast zu Gast und bot ihm mit aufreizend sinnlichen Tanzbewegungen ihre Schönheit dar.

Die Männer hämmerten mit den Fäusten auf die Tische und brüllten begeistert. Manche versuchten die Frau zu ergreifen, auch Lord Gregor langte täppisch nach ihr, doch mit anmutigen Bewegungen wich sie den Händen immer wieder geschickt aus.

Ein weiterer Vorhang öffnete sich und weitere zwanzig Tänzerinnen, alle ebenso schön anzuschauen wie die Vortänzerin, traten hervor und begann sich im Takt der Musik zu wiegen.

Die Männer im Saale waren kaum noch zu halten. Begeistert hoben sie ihre Trinkgefäße und prosteten den Tänzerinnen zu ......

 

 

 

Als das Fest seinen Höhepunkt erreichte, erhob sich Lord Manot, trat in die Mitte des Saales und gebot mit lauter Stimme Ruhe. Nach und nach verstummte das Stimmengewirr und die Klänge der Musik.

        "Hört, ihr edlen Gäste!" rief der Lord mit einer Stimme, der man sogleich anhörte, dass sie gewohnt war, ganze Heere zu befehligen, "Heute sollt ihr Zeugen sein, wie ein neuer Streiter in die Reihen der lippischen Ritterschaft aufgenommen wird. Tretet vor, Tribun Manrath, damit Ihr an diesem Tage die Würde eines Ritters von Lippia empfangen möget!"

 

Tribun Manrath, bisher Kommandant einer Tausendschaft auf der Festung Delemund, trat gemessenen Schrittes vor die Lords, die sich jetzt allesamt von ihren Sitzen erhoben hatten.

        "Vernehmet nun die Gesetze der lippischen Ritterschaft, denen Ihr von heute an folgen müsst", sprach jetzt Lord Rikard mit ernster Miene, "Es gebühret sich für jeden Ritter des lippischen Reiches, dass er hochgemut im Unglück, edelgesinnt gegenüber den ihm Anbefohlenen, freigebig in aller Ehrbarkeit, tadellos in ritterlichen Sitten und ehrenhaft in aller Tüchtigkeit sei. Ehe Ihr also Euer Gelübde ablegt, Tribun Manrath, höret mit reiflicher Überlegung die Gesetze der lippischen Ritter:

        Zuerst soll ein Ritter der Magischen Rose immer gedenken, für ihre Ehre kühn das Leben einsetzen; das Reich und seine Diener soll er von allen, die ihm Gewalt antun, befreien; er soll Witwen und Waisen in ihrer Not schützen, Mitleid mit Armen und Kranken haben und ihnen niemals die Hilfe versagen; er muss ungerechten Sold ausschlagen und ungehörige Dienste versagen, für die Rettung jedes Unschuldigen einen Zweikampf bestehen; er ist verpflichtet, für das Wohl der ihm anvertrauten Menschen Sorge zu tragen; er darf Turniere nur der ritterlichen Übung wegen besuchen, und er muss dem Clan der Lords von Lippia in allen weltlichen Dingen gehorchen und ihm treu dienen mit all seiner Kraft und Klugheit. Er soll nicht Streit suchen um jeden Preis, sondern nur für ein hohes Ziel kämpfen: für die Magische Rose, für den Clan der Lords und für jene, die unrechtmäßig bedrängt, schwach, hilflos oder arm sind. Er soll großherzig sein gegenüber dem besiegten Feind, denn nichts ist verwerflicher, als einen überwundenen Gegner zu beleidigen oder zu erniedrigen. Verstößt er aber gegen diese Gesetze, so muss er seine Ritterwürde und sein geweihtes Schwert ablegen und wird mit Schimpf und Schande zeit seines Lebens aus dem Reiche Lippia verbannt.

Und so frage ich Euch, edler Manrath: Wollt Ihr unserem Clan als Ritter den Treueid leisten und das Gelübde ablegen, den Gesetzen unserer Ritterschaft immer zu gehorchen, solange noch ein Funke Leben in Euch ist?"

        "Ja,   das   will ich," antwortete Manrath mit fester, entschlossener    Stimme,   "Ich   will   diesen   Gesetzen gehorchen, solange ich lebe."

        "Dann sprecht den Treueid vor den Rittern und Edlen, die hier versammelt sind," forderte ihn Lord Albertin auf.

        "Ich schwöre bei den Göttern der oberen Welt MAHRHY-THAYR, den Besetzen der lippischen Ritterschaft immerfort zu gehorchen in allen Dingen, und ich schwöre dem Reiche Lippia ewige Treue, ich will es schützen gegen jeden Feind. Das schwöre ich auch im Namen der Magischen Rose, für deren Ehre ich jederzeit mein Leben einzusetzen bereit bin."

 

Da trat Lord Albertin vor den jungen Mann und sprach feierlich:

        "So kniet denn nieder, Tribun Manrath, und empfangt den einzigen Schlag, der einen lippischen Ritter ungesühnt treffen darf."

 

Manrath kniete nieder und beugte das Haupt.

Albertin zog sein langes Schwert aus der kunstvoll ziselierten Scheide.

        "Empfangt diesen Schlag, der Euch zum Ritter macht und danach niemals wieder einen, der ungesühnt bleiben soll. Von nun an seid Ihr nicht langer ein Tribun, nun seid Ihr Ritter Manrath von Burg Akaze, deren Verwalter Ihr sein werdet, ein Ritter der Magischen Rose mit all seinen Rechten, aber auch allen seinen Pflichten."

Albertin schlug dem Knieenden mit der flachen Klinge auf die Schulter.

        "Erhebt Euch, RITTER MANRATH VON BURG AKAZE und seid aufgenommen im Kreise der Edlen Lippias."

 

Jubel brandete auf, die Pokale wurden erhoben und auf das Wohl des neuen Ritters geleert. Zwei Knappen trugen einen Schild herbei und überreichten ihn Manrath.

        "Tragt diesen Schild von diesem Tage an," sagte Lord Manot, "er zeigt die Krone und den Bogen, weil Ihr mit Euren Bogenschützen beim Angriff der Delemaner auf die Festung Delemund tapfer gekämpft habt, Eure wenigen Schützen mit soviel Geschick führtet, dass die von Euch verteidigte Bastion nicht genommen werden konnte, obwohl sie bereits von allen anderen Kämpfern entblößt war und Eure Sache schier aussichtslos erschien. Ihr habt Tapferkeit, Mut und Klugheit bewiesen und seid es würdig, einer unserer Ritter zu sein."

 

        "Er wird seinen Mut bald erneut beweisen müssen!" ertönte da eine laute Stimme vom Eingang des Saales her.

Die Köpfe flogen herum, alle schauten erstaunt auf den Vorwitzigen, der es wagte, die feierliche Zeremonie zu stören.

Es war niemand anderes als der Fremde in der schwarzen Kleidung, die sich nun unter der prächtigen Gewändern der Versammelten noch seltsamer und ungewöhnlicher ausnahm.

        "Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, diese Feier zu stören, und woher kommt Ihr?" fragte Lord Manot den Fremden ungehalten und verärgert über dessen Auftritt.

 

        "Mein Name ist ILJUSCHY, und ich komme aus dem Land der Steppen jenseits des großen Dschungels von Asani."

        "Seid Ihr jener Iljuschy, der einer der mächtigsten Großmeister der Magie ist?" wollte Lord Gregor wissen, der aufgehorcht hatte, als der Name des Fremden fiel.

        "Ihr vermutet richtig, ich bin ein Großmeister der Magie."

        "Dann seid auch Ihr willkommen, sprach Gregor, "Es gereicht uns zur Ehre, einen der größten Magier Fatoms als Gast bei uns zu sehen. Kommt, setzt Euch und genießt mit uns dieses Fest."

        "Ich kam nicht zum Feiern hierher," erwiderte der Magier, "Ich kam, zu kämpfen gegen einen Todfeind, der auch der Eure ist und Euch vernichten will."

        "Wer ist dieser Feind?" wollte Lord Albertin erfahren, "Wir fürchten ihn nicht, sei er auch noch so mächtig."

        "Habt Ihr auch noch niemals Angst verspürt, so werdet Ihr erfahren, was Grauen ist, wenn Ihr diesem Feind entgegentretet. Denn es ist der Dämon CHRAYIKAIIL, ein Gesandter aus RHOOHY-KYARA - der Dämonen-Welt. Er versetzte schon Eure Vorfahren in Angst und Schrecken, bevor er vertrieben wurde von diesem Kontinent. So floh er von Eropan und kam nach Asani, wo wir miteinander rangen. Ich konnte ihn zwar überwinden, doch mein Sieg war unvollkommen, denn er konnte entfliehen in seine Welt. Nun ist er zurückgekommen, mächtiger als zuvor. Ich habe von seiner Wiederkehr erfahren und kam darum hierher, um ihn zu stellen und endgültig zu vernichten."

        "Und warum will dieser Dämon uns vernichten?"

        "Er will Rache nehmen, denn Eure Vorfahren, die einst über KAMARAAN herrschten, besiegten und vertrieben ihn aus diesem Land. Seht Euch also vor, ihr Lords und Ritter, denn wenn Chrayikaiil erscheint, habt Ihr einen schweren Kampf zu bestehen.  Ihr werdet gegen die Mächte des Bösen und der Dunkelheit fechten müssen, und Schwerter helfen nicht immer gegen magische Kräfte. Darum werde ich an Eurer Seite kämpfen, wenn die Stunde gekommen ist."

 

Der Magier verstummte und verschwand auf unfassbare Weise, denn er löste sich einfach auf und war von einem Augenblick zum anderen verschwunden, als sei er niemals dagewesen.

 

Die Festgäste aber waren nur für eine kurze Weile von der unheilverkündenden Warnung des Magiers beeindruckt.

        "Lasst uns weiterfeiern!" rief Fürst William unbeschwert, "Auch ein Dämon sollte uns nicht die Freuden eines Festes verderben können. Oder wollen wir nun alle wie kleine Kinder in Furcht erstarren, weil wir den Namen eines Finsteren vernommen haben?"

        "Recht so, teurer Freund," stimmte Lord Manot ihm zu, "Lasst die Mädchen weitertanzen und die Musiker aufspielen. Wir lassen uns dieses Fest nicht durch unheilvolle Ankündigungen verderben."

 

Und so ergriffen die Musikanten erneut ihre Instrumente und spielten wieder mit munteren Weisen auf. Schnell waren die Gedanken an Iljuschys Warnung verflogen, und die Männer berauschten sich an süßen Nein und den reizenden Bewegungen der Tänzerinnen mit den wohlgeformten Körpern, deren Haut längst nicht mehr von der leichten Tanzkleidung verborgen wurde.......

 

 

 

Es war die Stunde des Dämons, die Stunde des Todes und des Blutes, es war Chrayikaiils Stunde.

 

Scharen von Geschöpfen des niederen Reiches strömten auf seinen Ruf herbei, ihm treu ergeben und beseelt von grenzenlosem Hass auf alles Menschliche. Ekelerregende, grauenhafte Kreaturen, deren grässliche Erscheinung der Phantasie eines teuflischen Irren zu entstammen schien.

Unförmige Körper waberten auf stämmigen Beinen, giftige Ausscheidungen flossen gleich schmierigem Schleim an der blassgrünen Haut herunter. Auf dem halslosen Rumpf steckten kantige, grobe Schädel, aus denen blutrote Augen glühten und furchtbare Gebisse zum Vorschein kamen, wenn die Kreaturen ihre entsetzlichen Rachen öffneten, aus denen der ekelhafte Gestank von Verwesung wehte.

GROOKS nannte man diese Kreaturen des Bösen, deren Begegnung nur wenige Menschen überlebten. Sie waren keine lebenden Toten wie die Vampire, es waren Wesen aus Fleisch und Blut, einer uralten Rasse entstammend, die schon lange gelebt hatte, als es noch keine Menschen auf der Welt Fatom gab.

 

Nun krochen sie hervor aus ihren unergründlichen Höhlen und Schlünden, in denen sie sich seit Jahrhunderten vor den Menschen verborgen hielten. Doch jetzt hatte der Dämon sie gerufen, und sie mussten seiner Macht gehorchen.

Eine Flut von blassgrünen Leibern quoll in die gigantische Grotte, welche tief unter dem Meeresboden weit draußen im Großen Meer lag, eine Armee des Grauens.

 

Chrayikaiil, dessen jetziges Äußeres sich nur wenig von einem Menschen unterschied, breitete die Arme aus und sprach Worte in einer uralten Sprache, die schon gesprochen hatte, als der Mensch nur ein flüchtiger Gedanke war im Geiste Godors, dem Gott der Götter, der einst die ersten Menschen nach Fatom gebracht hatte.

Aber auch Godor, der höchste von den Menschen verehrte Gott dieser Welt, konnte Lippia nicht vor dem Unheil bewahren, das in Gestalt des Dämonen herannahte wie die schweren, düsteren Wolken eines Ungewitters.

Die Stimme des Dämonen wurde lauter, eindringlicher, drohender, und mit den ihm ergebenen Kreaturen, die stumm und wartend vor ihm verharrten, ging eine grausige Verwandlung vor.

War ihr Aussehen noch kurz zuvor schrecklich und ekelerregend gewesen, so verflossen plötzlich ihre Umrisse, verformten sich und nahmen andere Gestalt an.

Vor dem Dämonen standen plötzlich --- Menschen.

 

 

Chrayikaiil setzte jetzt seine Kräfte ein, die er in den dunklen Abgründen der niederen Welten erworben hatte. Mit der Macht seines Geistes versetzte er sich und seine unheimliche Streitmacht nach Lippia, nur wenige hunderte von Schritten von den Mauern der Reichshauptstadt entfernt.

In langer Reihe schritten sie auf das Haupttor zu, an ihrer Spitze der Dämon in der Gestalt eines Menschen.

 

        "Halt!" gellte die Stimme eines Wächters durch die Nacht, "Wer seid ihr?"

        "Wir sind Pilgerer aus Kobali", antwortete der Dämon, "Wir wanderten hierher, um die Stätte zu ehren, an der einst die Magische Rose gestanden hat. Leider kamen wir nicht mehr rechtzeitig, um den Beginn des großen Festes zu erleben."

        "Dann tretet ein, Pilgerer, und seid willkommen in Stadt-Lippia. Geht zur Jaco-Kathedrale. Dort wird man sicher noch genug Wein für jeden von euch haben."

 

Sie zogen ohne Eile durch das nun geöffnete Tor, etwa dreihundert Grooks in der Gestalt von Menschen, ohne dass die Wachen argwöhnisch wurden.

So gelangten sie vor die Jaco-Kathedrale, in der noch immer gefeiert und gezecht wurde. Das Volk auf dem Vorplatz hatte sich längst zur Ruhe begeben, nur die Ritter, Lords und Edlen aus Hellebona und Waldau gaben sich noch immer den Freuden des Gelages hin.

Jetzt setzte der Dämon eine weitere Waffe seiner Magie ein und erschuf mit seinem Willen eine unsichtbare Wand rings um die Kathedrale, die kein lebendes Wesen zu durchdringen vermochte.

Dann schritt er an der Spitze seiner Schar in den Festsaal hinein.

 

        "Ich grüße Euch, ihr Lords von Lippia!" rief Chrayikaiil mit einer Stimme, die aus den Tiefen eines Grabes zu stammen schien und dennoch von solcher Lautstärke war, dass sie mühelos den Lärm im Saale übertönte.

Die Köpfe der Feiernden ruckten herum, alles starrte auf die Neuankömmlinge.

 

D A  ! ! !

Wie aus dem Nichts erschien plötzlich Iljuschy, der Großmeister der Magie, mitten im Festsaal.

        "Jetzt gilt es, ihr Krieger des Reiches!" donnerte seine Stimme, "Dort steht euer Feind, der Dämon. Nehmt eure Waffen und kämpft!"

 

Ein schauriges Lachen ertönte, und der Dämon rief höhnisch:

        "Eure letzte Stunde hat geschlagen, Lords und Ritter! Nichts und niemand kann diesen Saal jetzt noch verlassen. Ihr könnt mir nicht entkommen. Höret, ihr Lords, Fürsten und Ritter, hört das Lied meiner Rache, hört es und erzittert."

 

Gespenstische Musik ertönte aus dem Nichts, schien von überallher zu  kommen, selbst die Mauern schienen sie zu summen. Grauenvolle Musik, die durch Mark und Knochen ging und die Nervenstränge erbeben ließ. Ein furchtbarer Hass klang aus dieser Melodie, ein irrer, verderbter Hass von solcher Boshaftigkeit, wie sie kein menschliches Wesen empfinden konnte. Alles geifernde Gift eines jahrhundertealten Hasses auf alles Menschliche ertönte in dieser Melodie, wurde fast zu einem greifbaren Etwas. Ekelerregend war die triumphierende Obszönität dieses Teufelsgesanges, welche die Männer unwillkürlich schaudern ließ.

 

Dann verflossen die Konturen der Begleiter des Dämons, nahmen wieder ihr wirkliches, grässliches Aussehen an.

Ein Musiker, der nahe bei ihnen stand, wurde von namenlosem Entsetzen gepackt, als er zwei dieser Kreaturen auf sich zustapfen sah. Er wich zurück, so weit er konnte. Seine Augen weiteten sich in unsäglichem  Grauen, die Zither bebte in seiner Hand. Zum erstenmal in seinem jungen Leben packte ihn unüberwindbares Entsetzen.

Bevor ihn jemand helfen konnte, packten die schmierigen Klauen der Ungeheuer zu, grässliche Rachen mit langen Reißzähnen klafften auf und zerrissen den Unglücklichen, der nicht einmal mehr schreien konnte.

Erst jetzt kam Leben in die wie erstarrt dastehenden Krieger. Aufbrüllend vor Wut und Entsetzen ergriffen sie ihre an den Wänden lehnenden Schilde und zerrten hastig die Schwerter aus den Scheiden.

 

        "Packt sie und zerreißt diese erbärmlichen Sterblichen!" dröhnte die Stimme des Dämons und die Ungeheuer stürmten vor, warfen sich mit schaurigem Geheul gegen die Front der Ritter. William und Erlok warfen ihnen ihre Speere entgegen, worauf zwei der Wesen röchelnd niedersanken.

Dann prallte die Masse der Ungeheuer gegen die Schilde der Männer......

Einer der Grooks schlug mit seinen krallenbewehrten Klauen nach Lord Rikard, doch dieser stieß ihm mit aller Kraft den Rand seines Schildes gegen den Schädel, dass er benommen zurücktaumelte. Wie von der Sehne geschnellt war der Lord im nächsten Moment neben ihm, sein Säbel zuckte vor. Zusammengekrümmt stürzte der Grook zu Boden.

        "Tötet sie, Krieger!" keuchte der Magier Iljuschy, "Sie sind ebenso sterblich wie ihr selbst, auch wenn sie der niederen Welt entstammen."

 

 

Das Singen der Schwerter erfüllte den Saal, Blut spritzte auf den Boden und bildete darauf bald einen schmierigen, glitschigen Schleim, der es den Kämpfern schwer machte, sich sicher auf den Beinen zu halten. Die Lords standen vor der Front ihrer Ritter, herausfordernd, die Schwerter gezückt zum Töten. Sie waren die Herrscher dieses Reiches, und sie waren bereit, es mit den Mächten der Finsternis ebenso aufzunehmen wie mit dem Gegner auf dem Schlachtfeld. Mochten die grausigen Angreifer auch furchtbar und schrecklich aussehen, sie lebten, in ihren Adern floss Blut, und sie konnten sterben. Nur das allein zählte jetzt für die Krieger, die sich in schier animalischer Wildheit auf die Kreaturen des Dämons stürzten, kaum weniger blutrünstig als diese, während sich die Musikanten und Tänzerinnen zitternd in Nebenräume flüchteten und diese hinter sich verbarrikadierten.

Die anbrandende Flut der Unheimlichen brach sich vor den Schilden der Männer in Wellen aus Blut und zuckendem Fleisch. Aber die Ungeheuer drängten nach, bereit, ihr Leben zu opfern, wenn sie dabei nur einen der Lords töten konnten, übelriechende Rachen klafften auf, blutunterlaufene Augen funkelten voller Hass und Mordlust, scharfe Krallen hackten in Schilde und Gewänder und rissen tiefe Wunden in das Fleisch manches Kämpfers.

Nie zuvor war man auf so unheimliche Gegner gestoßen, doch auch deren Blut konnte vergossen werden, wenn die Schwerter  ihre unförmigen Schädel spalteten oder in ihre monströsen Leiber fuhren.

 

Indessen fochten der Dämon Chrayikaiil und der Magier Iljuschy einen gnadenlosen Kampf, der nicht mit dem Schwerte, sondern mit den Waffen des Geistes und des Willens geführt wurde, aber dennoch nicht minder grausam war wie ein Kampf mit Schwertern und Dolchen.

        "Hier stehe ich, Chrayikaiil !" rief Iljuschy herausfordernd, "Du hast vor langer Zeit viele meiner Freunde umgebracht, und nun fordere ich den Preis von dir!"

        "Hah...," lachte der Dämon verächtlich, "Was willst du hier, Erbärmlicher? Schon damals konntest du mich nicht vernichten, und jetzt kannst auch du meiner Macht nicht mehr widerstehen. Mach' dich bereit zu sterben, elender Hund aus Asani."

Und schon stieß er seine krallenbewehrte Hand vor, aus der ein greller Blitz zuckte, strahlend in gleißendem Licht, heller noch als die Sonne.

Doch von unsichtbaren Kräften abgelenkt wich der Todesblitz zur Seite aus, verfehlte den Magier und verkohlte stattdessen einen der Grooks, von dem nur ein rauchender Haufen Asche übrigblieb.

Iljuschy schrie ein seltsames Wort: "Ashaikjon !!"

Nur er und der Dämon wussten, dass dies der Kampfruf der Tharan-Krieger von MAHRHY-THAYR war, den Kriegern des Lichtes. Als der Dämon diesen Ruf vernahm, erblasste seine menschliche Maske, und er wich unwillkürlich zurück, denn dieses Wort war ein altes Wort der Macht, das einem Wesen der Finsternis große Schmerzen zufügte.

Jetzt sandte der Magier seine Schattenbilder aus.

Plötzlich schien er sich zu teilen, und dann standen drei Iljuschys dem Dämon gegenüber, dann waren es vier - fünf - sieben. Und alle riefen jenen Ruf von MAHRHY-THAYR, der den Dämonen so sehr peinigte.

Wieder schleuderte Chrayikaiil seine gleißenden Todesblitze, doch diese gingen durch seine Gegner hindurch wie durch Luft. Die Magiergestalten kamen näher, Feuerzungen schlugen aus ihren Augen, so groß, dass sie den Dämonen zu verbrennen drohten.

Aber der Finstere gab sich noch nicht geschlagen. In wenigen Augenblicken verformte sich sein bislang menschlicher Körper, blähte sich auf entsetzliche Weise auf und verwandelte sich in einen gewaltigen Rijash-Wurm, einem drachenähnlichen Geschöpf, das mit aufgerissenem Rachen den Magier zu verschlingen suchte, der inzwischen wieder eins geworden war.

Die furchtbaren Zähne des Ungetüms zerbrachen jedoch an einer unsichtbaren Mauer, die schlagartig zwischen ihm und dem verhassten Feind entstanden war. Gelber Geifer lief dem Dämon aus dem Rachen, als er von unsäglichen Schmerzen gepeinigt aufbrüllte.

Wieder schlug der Magier zu: aus seinen Augen strömte nun ein loderndes blaues Feuer und hüllte den Dämonen ein, der gerade eine andere Gestalt annehmen wollte und sich nun kreischend in der sengenden Glut wand und krümmte.

        "Verbrenne, Dämon!" schrie Iljuschy mit triumphierender Stimme, "Verbrenne im Feuer des Götterkönigs Godor. Verbrenne in diesem Feuer, dessen Glut nicht einmal du ertragen kannst !!"

        "Nein!!!" kreischte Chrayikaiil mit schrillender Stimme, "Ein Dämon kann in dieser Welt nicht sterben! Ich bin unsterblich, nichts kann mich töten !"

        "Oh doch," schleuderte ihm der Magier hohnlachend entgegen, "denn dies ist das Feuer der Götter, in dem auch Dämonen aus RHOOHY-KYARA vergehen müssen. Stirb' endlich, Verfluchter, aber stirb' langsam und qualvoll, denn Rache ist wie goldener Wein, den ich jetzt genießen will."

        "Woher hast du diese Macht?" jammerte der Dämon, dessen monströser Leib in den Flammen immer mehr zusammenschmolz wie das Eis in den Strahlen der Sonne, "Nur die Götter und ihre Gesandten können sie besitzen."

Da beugte sich Iljuschy lächelnd vor und flüsterte: "Schau' mich an, Dämon, und erkenne, was ich bin."

Der Dämon schrie voller Entsetzen auf.

        "Nein!" keuchte er, "Nein, das kann nicht sein.....!"

Dann war der Finstere nach einem letzten Aufbäumen verschwunden und das blaue Feuer erlosch. Von Chrayikaiil war nichts mehr zu sehen.

 

Im gleichen Augenblick verschwand die unsichtbare Mauer draußen vor der Kathedrale und die Soldaten, welche von Kampfeslärm im Festsaal alarmiert worden waren, stürmten nun mit gezückten Waffen herein, um drinnen den schon arg Bedrängten zu Hilfe zu eilen.

Die Soldaten kamen über die Kreaturen wie ein Hagel über die Kornfelder. Ihres Führers beraubt hatten die Grooks keine Chance mehr, obwohl sie bis zuletzt wie Rasende kämpften. Keiner von ihnen überlebte das Gemetzel.

 

Als endlich auch die letzte der ekelhaften Kreaturen tot am Boden lag, hielten die Kämpfer schweratmend ein, nur langsam zurückfindend aus dem Blutrausch, der sie in dieser mörderischen Schlächterei befallen hatte. Mancher von ihnen war von den Bestien zerrissen worden oder rang schwerverletzt mit dem Tode.

 

Ritter Berthon aber hob mit einem irr anmutenden Lachen einen umgestürzten Pokal vom Boden auf und schöpfte ihn voll aus einem Weinfass, das während des Kampfes unversehrt geblieben war.

        "Erst rotes Blut, dann roter Wein!" rief er heiser, "So soll der Tag eines Kriegers sein!"

Verwegen grinsend hob er den Pokal und leerte ihn mit langen, durstigen Zügen.

Schweigend und leise schaudernd sahen ihm die anderen zu ......

 

 

 

        "Großmeister Iljuschy, wir sind Euch zu unendlichem Dank verpflichtet," sprach Lord Gregor zu dem Magier, "Wir stehen tief in Eurer Schuld, welche wir wohl niemals begleichen können. Doch wir wollen wenigsten einen Teil dieser  Schuld abtragen. Sagt also, wie wir Euch danken können. Wollt Ihr Gold, Silber, Pferde oder Gespanne für den großen Dienst, den Ihr uns erwiesen habt ?"

        "Mein Sinn steht nicht nach Schätzen," entgegnete Iljuschy, "Dergleichen besitze ich bereits im Überfluss. Doch ich wäre geehrt, würdet Ihr mich als Gast und Freund bei Euch dulden, denn Freunde sind für mich wertvoller als alle Schätze, die es in den Welten des Multiversums geben mag."

        "So soll es sein," nickte Lord Manot, "Seid forthin unser Gast, solange es Euch beliebt. Es soll Euch in diesem Lande an nichts fehlen, und Ihr könnt Euch unserer Freundschaft sicher sein."

        "So lasst uns diesen Pakt mit dem Druck der Hände besiegeln und zusammen nach altem Brauche Gras und Erde halten," meinte Lord Albertin.

 

Sie gingen hinaus vor die Kathedrale, traten an einen der Ashinbäume heran und hoben an dessen Fuße Erde und Gras auf. Dann legten sie ihre Hände aneinander, so dass Gras und Erde darin zu einem festen Klumpen zusammengedrückt wurden.

Auf diese Weise wurde der Pakt zwischen den Lords von Lippia und dem Magier aus Asani geschlossen, denn wer auf Eropan gemeinsam Gras und Erde gehalten hatte, der war einander auf ewig verbunden.

 

        "Ich will gern Euer Gast sein, Lords von Lippia," meinte Iljuschy nach einer Weile, "doch sollt Ihr mich nicht wie einen hohen Herrn, sondern nur wie einen Freund bewirten. Aber ich habe noch eine besondere Bitte, denn ich hörte von einer Mann, der aus einer anderen Welt hierher gelangt ist. Diesen Fremdling würde ich gerne kennenlernen."

        "Auch dieser Wunsch soll Euch erfüllt werden," meinte Lord Gregor, "Er weilt auf der Lippburg, meinem Stammsitz, denn er steht jetzt in meinen Diensten als Reichsschreiber und Alchimist. Seid also mein Gast auf der Lippburg, dann werdet Ihr genug Gelegenheit haben, diesen Mann kennenzulernen."

        "Habt Dank, Lord Gregor, ich nehme dieses Angebot mit Freuden an. Doch lasst mich vorerst noch etwas sagen, was für Euch von großer Wichtigkeit sein dürfte. In wenigen Monden schon wird es einen Krieg geben, in dem sehr viel Blut vergossen wird. Seid auf der Hut, Ihr Lords, denn die Zeichen stehen nicht günstig. Und ich hatte eine Vision, in der ich einen von Euch sterben sah."

        "Wen und von wessen Hand?" fragte Albertin aufhorchend.

        "Das kann und darf ich Euch nicht sagen," wehrte der Magier die Frage ab, "auch wenn das Tor der Zukunft meinem Geist so manches Mal geöffnet wird."

        "Warum wollt Ihr es uns nicht sagen?" wollte Lord Rikard wissen.

Der Magier sah ihn mit seinen dunklen, unergründlich scheinenden Augen an und sprach leise:

        "Es ist nicht immer gut, wenn der Mensch seine Zukunft kennt. Manchmal ist besser, im Dunkeln zu schreiten, wenn der Weg an einem schlafenden Drachen vorbeiführt und es keinen anderen Weg gibt."

 

Still und nachdenklich standen sie auf dem Platz vor der Kathedrale und schauten in das Licht der aufgehenden Sonne, deren Morgenrot das Land wie mit einem blutroten Mantel bedeckte..........

 

 

des ersten Bandes