Fantasy

Stories

zurück

 

Das Bergmonster

von Karl-Heinz R. Friedhoff

Cladionys, der Söldner aus Babylon, blieb überrascht stehen. Hatten seine Ohren, in denen es von der dünnen Luft der Himmelsberge und vom pfeifenden, kalten Wind rauschte, ihm einen Streich gespielt? Oder war da tatsächlich ein Schrei zu hören gewesen, der über die verschneiten Höhen gellte?

Er spähte angestrengt nach vorn, konnte jedoch nichts sehen. Der Weg war verschlungen und ein Wanderer konnte unmöglich sehen, was hinter der nächsten Biegung auf ihn wartete.

Wieder schrie da ein Mensch, wütend und schmerzerfüllt zugleich. Diesmal war der Babylonier sicher, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Mit einem leisen Fluch riss er den Säbel aus der Scheide und stürzte vorwärts. Einen Augenblick lang kam ihm in den Sinn, dass es vielleicht klüger wäre, sich nicht einzumischen, was immer auch da vor ihm geschah. Aber Cladionys hielt es für verwerflich und unehrenhaft, einen Hilfsbedürftigen im Stich zu lassen.

Als er um die nächste Felsenecke kam, bot sich seinen Augen ein beinahe skurilles Bild. Ein großer, massiger Mann stand mit dem Rücken zur Felswand, in der Rechten ein Schwert und in der Linken einen langen Stab. Mit beiden Waffen hieb er wild auf eine Meute kleiner, in weiße Pelze und Felle gekleidete Männer ein, die schreiend gegen ihn anstürmten, Knochendolche und primitive Speere schwingend, und dann wieder zurückwichen. Der einsame Kämpfer blutete aus einigen kleineren Wunden. Er musste bereits geschwächt sein, aber dennoch stand er noch aufrecht und wehrte sich so gut er konnte.

Obwohl der Angegriffene stärker und auch viel besser bewaffnet war als seine kleineren Gegner, war es ein sehr ungleicher Kampf, denn die Angreifer waren in der Überzahl.

Cladionys zögerte nicht lange. Wie ein lautloser Schatten löste er sich aus der Deckung der Felsen und ließ seinen langen Säbel durch die kalte Luft sausen. Sein erstes Opfer fand nicht einmal mehr die Zeit zum Schreien, bevor es mit gespaltenem Schädel zusammenbrach. Die anderen Bergmänner wurden auf jetzt auf ihn aufmerksam, aber ehe sie sich verteidigen konnten, forderte der scharfe Stahl des Babyloniers bereits ein weiteres Opfer unter ihnen.

Den Fremden schien die unerwartete Hilfe anzuspornen. Er sprang vor und ließ sein Schwert wirbeln. Ein weiterer Bergmann stürzte blutend und stöhnend zu Boden. Die anderen wichen hastig zurück, um aus der Reichweite der tödlichen Klingen zu kommen. Hasserfüllt blickten sie Cladionys und den anderen an, wagten jedoch vorerst keine neue Attacke.

"Wer immer du bist," sagte der Fremde in der Sprache von Tarsos, einer reichen Hafenstadt am südöstlichen Rande des Mittelmeeres, "Du hast mir das Leben gerettet. Wenn wir hier heil herauskommen, gehört dir die Hälfte meines Besitzes."

"Wenn wir heil herauskommen....!" meinte Cladionys mit einem zweifelnden Blick auf ihre Gegner, die sich wieder formierten.

Sieben gegen zwei erschien ihm immer noch als ein sehr ungesundes Verhältnis, zumal jetzt sein Vorteil der Überraschung vorbei war.

Aber die Bergmänner griffen nicht noch einmal an. Einer von ihnen machte einen Schritt nach vorn und schüttelte drohend seinen Speer, wobei er ein paar Worte in einer kehlig klingenden Sprache schrie. Es war nicht schwer zu erraten, dass es sich um Flüche oder Verwünschungen handelte. Dann aber liefen die kleinwüchsigen Bergbewohner leichtfüßig davon und waren bald darauf außer Sicht.

Cladionys wollte ihnen nachjagen, obwohl es ihn nicht sonderlich nach Rache dürstete, aber er hielt es für gefährlich, Feinde zu schonen, die eventuell mit Verstärkung wiederkommen konnten. Aber der andere hielt ihn zurück.

"Du würdest doch nur in eine Falle laufen," meinte er, "Es hat keinen Zweck. Überdies glaube ich kaum, dass sie zurückkommen. Wir haben ihnen einen gehörigen Schrecken eingejagt."

Cladionys zuckte die Schultern und säuberte seine Waffe im Schnee. Dann nahm er einem der Getöteten den Fellumhang ab und packte ihn in seinen Beutel. In den Eisbergen war ein zusätzlicher Fellmantel immer gut zu gebrauchen. Der andere tat es ihm nach.

"Ich bin Harkham aus Tarsos," sagte der Fremde, "Ich bin Händler und war auf dem Weg in den Nordosten, wo es einige wilde Stämme gibt, mit denen sich gute Geschäfte machen lassen. Man nennt sie Mongolen, die an den Grenzen des Uighuren-Reiches leben. Leider habe ich etwas Pech gehabt mit den Bergmännern. Meine Packpferde haben diese dreckigen Schakale schon getötet, und meine Waren liegen sicher schon in ihren Schneehöhlen. Zeus möge sie strafen! Und was treibt dich in diese öde Gegend? Du bist kein Makedonier, kein Achäer und auch kein Perser, nicht wahr?"

Das konnte Cladionys nicht leugnen. Aufgrund seiner Erziehung und seiner Studien beherrschte er zwar das Griechische, das sich vor langer Zeit aus einem phönizisch-sumerischen Dialekt entwickelt hatte, aber seine Aussprache war holperig und ungeschickt.

"Ich bin Cladionys," sagte er, "und ich komme aus Babylon."

"Babylon?" fragte Harkham ein wenig ehrfürchtig, "Ich hätte nicht gedacht, dass es noch mehr als ein Mythos ist. Gibt es diese alte Stadt also doch noch, und ist sie auch noch bewohnt?"

"Und wie," bemerkte Cladionys grimmig. Er hatte nicht vergessen, wie man ihn dort hatte ermorden wollen - mit einem stygischen Schlangenkorb.

"Und wo willst du hin?" fragte Harkham weiter, "Führt dein Weg nach Süden ins Reich des Alexander von Makedonien?"

"Das ist mir gleich," erwiderte Cladionys, "Ich darf nur nicht nach Babylon zurück, ansonsten ist mir jeder Fleck dieser Welt so lieb wie jeder andere. Vielleicht werde ich mich dem Heer des Makedoniers anschließen, denn ich hörte, dass er plant, die ganze bekannte Welt zu erobern."

"Komm' doch mit mir!", schlug Harkham vor, "Du führst eine gute und schnelle Klinge. Und zwei Männer kommen leichter aus dieser Schneehölle heraus als ein einzelner."

Cladionys nickte zustimmend, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg nach Süden....

Es begann zu schneien.

Harkham, der neben dem Babylonier durch die dicken, weißen Flocken stapfte, die ihnen fast völlig die Sicht nahmen, erzählte ohne Unterbrechung. Er hatte einen reichen Vorrat an Geschichten, selbst erlebten, überlieferten und einfach erfundenen. Für Harkham schien das jedoch keinen Unterschied zu machen. Er hätte wohl auch geredet, wenn Cladionys taub gewesen wäre. Nur einmal wurde es für Cladionys interessant, und er horchte auf, als Harkham erzählte.

".......ah, diese miesen kleinen Schneehunde," fluchte Harkham, "ich dachte, sie hätten es längst vergessen, aber sie müssen ein Gedächtnis wie diese indischen Elefanten haben. Also damals, vor sieben Jahren, da war ich schon mal hier in der Gegend. Ich war in einer verdammt üblen Lage, genau wie heute. Mein Pferd war gestolpert und einen Abhang hinuntergestürzt, und ich hatte mich nur mit knapper Not vor dem Absturz gerettet. Alles war weg, Proviant, Waffen, der größte Teil meiner warmen Fellkleidung und die gesamte Ausrüstung. Ich hatte nur noch die Sachen, die ich am Leibe trug und einen kleinen Jagddolch. Sicher wäre ich verhungert oder erfroren, wenn mich nicht eine Gruppe dieser Primitiven gefunden hätte. Sie brachten mich in ihr Dorf, einer Ansammlung von schmutzigen, stinkenden Hütten. Dort gaben sie mir etwas Warmes zu essen und danach einen widerlich schmeckenden Kräutertrank. Darauf schlief ich fast drei Tage lang und fühlte mich hinterher so gut neugeboren. Danach blieb ich einige Zeit bei ihnen. Dadurch lernte ich so einiges über sie, ihr Leben und auch ein wenig von ihrer Sprache. Sie gaben mir Essen und Fellkleidung, und ich brachte ihnen dafür einige handwerkliche Tricks bei, mit denen sie sich das Leben leichter machen konnten. Als ein voller Mond vorbei war, aber kam ihr Schamane und sagte mir, der Mond habe sein Haus gewechselt und nun sei die Zeit für mich gekommen, wieder zu gehen. Das passte mir allerdings überhaupt nicht, denn ich hatte inzwischen die Tochter des Schamanen kennengelernt. Sie stank zwar nach Fett wie alle Frauen des Bergvolkes, aber sie war gut gewachsen und auf dem Fell-Lager so feurig wie ein Vulkan. Außerdem kannte sie einige Stellen, wo seltene und darum auch sehr wertvolle Bergkristalle zu finden waren. Also machte ich dem Alten klar, dass ich keinesfalls daran dachte, jetzt schon zu gehen. Er wurde ziemlich wütend und faselte etwas von seinen Göttern und von heiligen Gebräuchen. Und als ich mich immer noch weigerte, drohte er damit, mich töten zu lassen. Ich sah, dass es ihm und den anderen verflucht ernst damit war, also packte ich schleunigst meine Sachen und machte mich davon. Aber Harkham aus Tarsos lässt sich nicht wie ein räudiger Hund verjagen. In der Nacht, als alles schlief, schlich ich zurück ins Dorf - Wachen gab es keine und die Hunde schlugen nicht an, weil sie mich kannten - und nahm das Mädchen mitsamt ihren schönsten Bergkristallen mit. Tja, so habe ich mich also dann empfohlen. Die Bergbarbaren kochten wohl vor Wut. Natürlich verfolgten sie uns, aber sie konnten uns nicht mehr erwischen."

"Und was war mit dem Mädchen?" fragte Cladionys.

"Ach die," meinte Harkham verächtlich, "Anfang war es ja ganz nett mit ihr, aber dann fing sie an, mir die Ohren vollzujammern wegen einem Fluch, der auf uns beiden läge und solchen Unsinn. Sie wollte, dass ich sie zu ihrem Stamm zurückbringe, woran ich natürlich nicht im Traume dachte. Schließlich ist sie dann zusammengebrochen und liegengeblieben. Weil ich sie nicht mitschleppen konnte, habe ich sie dort liegengelassen...."

Cladionys schaute seinen neuen Reisegefährten unangenehm berührt und missbilligend an, zog es jedoch vor, zu schweigen. Allerdings begann er sich zu fragen, ob es klug von ihm gewesen war, diesem Harkham das Leben zu retten, denn eigentlich hatte der Mann aus Tarsos den Tod verdient......

Als die Dämmerung überraschend schnell hereinbrach, blieb Harkham stehen.

"Hier ist ein guter Ort für eine Rast," meinte er, "Die Felsnische hier ist gut geschützt, so dass wir nicht erfrieren werden. Und wenn sich hier noch ein bisschen Holz finden lässt, können wir sogar ein Feuer machen."

Sie machten sich auf die Suche und fanden tatsächlich einige dürre Zweige. Es war zwar nicht viel, aber es war wenigstens trocken. Das Feuer war natürlich dementsprechend klein.

Aus Cladionys´ Vorräten bereiteten sie sich ein kleines Mahl und legten sich dann zum Schlafen nieder.

"Sollten wir nicht lieber abwechselnd Wache halten?" fragte der Babylonier, "Vielleicht tauchen die Bergmänner noch einmal auf. Der Gedanke, dass sie uns im Schlaf überraschen könnten, behagt mir ganz und gar nicht."

"Ich glaube, dass das nicht nötig ist," meinte Harkham leichthin, "Die Bergwilden kommen wohl kaum noch bis hierher. Das Schneegestöber hat längst schon unsere Spuren verwischt und wird sie sicher davon abgehalten haben, uns weiter zu verfolgen."

"Vielleicht sind sie zäher als du glaubst," gab der Babylonier zu bedenken, "Schließlich kennen sie die Gegend hier und sind an Eis und Kälte gewöhnt."

"Du vergisst, dass ich einige Zeit bei ihnen lebte und sie daher ganz gut kenne."

"Nun gut," gab Cladionys nach, "Mögen die Götter dafür Sorge tragen, dass du recht behältst."

Rücken an Rücken wickelten sich die beiden Männer in ihre Fellmäntel, um sich gegenseitig wärmen zu können. Beinahe übergangslos schliefen sie ein.

Schlagartig wurde Cladionys wieder wach, als ein leises Geräusch an seine Ohren drang, das nicht zu den anderen Geräuschen seiner Umgebung passte. Er sprang auf, warf den Mantel zur Seite und riss seinen Säbel aus der Scheide. Gleichzeitig stieß er Harkham mit Fuß in die Seite. Auch der Tarsoser sprang jetzt auf und zog sein Schwert. Verwirrt und noch etwas schlaftrunken sahen sie sich um.

Es war noch dunkel, aber die Bergmänner waren durch ihre helle Fellkleidung trotzdem gut zu erkennen. Mindestens zwanzig waren es diesmal, und bei ihnen war einer, der weitaus größer war als die anderen, größer noch als Harkham, der selbst schon ein Hüne von Gestalt war.

Dieser Riese trug keine Waffe; seine Augen schimmerten weißlich-gelb in der Düsternis. Fangzähne schimmerten im fahlen Mondlicht.

"Götter des Olymp !!!" schrie Harkham voller Panik, "Das ist ein YETHI !!!"

Auch Cladionys hatte schon von jenen sagenhaften Schneemenschen gehört, den unheimlichen Yethis, aber er hatte nicht geglaubt, dass es sie wirklich gab. Doch dieses Wesen, wenn es kein Trugbild war, war tatsächlich eines dieser Sagengestalten. Etwas wie eine animalische, unmenschliche Ausstrahlung ging von diesem Wesen aus, und Cladionys glaubte einen leichten, aber durchdringenden Tiergeruch zu bemerken.

Einer der Bergmänner sagte etwas in seiner gutturalen Sprache, worauf der Yethi einige zögernde Schritte auf Harkham zu machte.

Der Tarsoser hob seine Klinge und wich zurück. Cladionys sah, dass er vor Angst bebte.

Dann sprang das Tier oder der Tiermensch vorwärts und griff an.

Cladionys blieb regungslos stehen. Der Yethi hatte es nicht auf ihn abgesehen, und Harkham jetzt zu helfen, war unmöglich, denn ein gutes Dutzend Pfeile waren auf ihn gerichtet, die ihn schon bei der kleinsten Bewegung durchbohren würden. Er wunderte sich ohnehin, dass sie ihn noch nicht auf diese Weise getötet hatten.

Harkham schrie entsetzt auf, als der Yethi ihn angriff. Die Bewegungen des Bergmonsters waren unheimlich schnell, trotz seiner gewaltigen Masse. Harkhams Schwert wurde noch zum Schlag erhoben, aber die Hand, die es führte, ließ es nicht mehr heruntersausen. Stattdessen stemmte sich Harkham fest in den Schneeboden. Er machte den Eindruck, als wolle er mit bloßer Körperkraft gegen die Bestie ankämpfen.

Der Aufprall ließ fast den Boden erzittern.

Harkham wurde wie eine Stoffpuppe zurückgeworfen. Noch im Fallen umklammerten ihn die mächtigen Pranken des weißen Monstrums und quetschten seinen Brustkorb unbarmherzig zusammen. Harkham ließ das nutzlos gewordene Schwert fallen und krallte seine Finger um die Kehle des Ungeheuers, um sie mit aller Kraft zusammenzudrücken.

Etwa zehn Herzschläge lang dauerte der ungleiche Kampf und fast schien es, als würde Harkham gegen seinen fürchterlichen Gegner bestehen können. Doch dann erlahmten seine Kräfte. Er schrie in grauenhafter Agonie, als ihm die furchtbaren Pranken das Rückgrat brachen.

Das Wesen beugte sich über den Toten und zerfetzte ihm mit einem Biss die Kehle. Warmes Blut rann in den Schnee und färbte ihn rot. Schlürfende Geräusche wurden laut, bei denen der Babylonier das Gefühl hatte, sich vor Ekel erbrechen zu müssen.

Noch während das Monster seine blutige Mahlzeit hielt, trat der Führer der Bergmänner vor. Er sprach das Griechische zwar schwer verständlich, aber doch so, dass Cladionys ihn verstehen konnte.

"Gegen dich hegen wir keine Feindschaft, Fremder," sagte er, "denn du hast nur das getan, was du für deine Pflicht hieltest. Es war Harkham, der unser Vertrauen und unsere Gastfreundschaft missbrauchte und nun unsere Rache herausforderte, als er sich wieder in unsere Berge wagte. Nun hat ihn sein Schicksal ereilt. Meine Tochter ist gerächt, und wir werden ihren Mörder zu ihren Füßen im ewigen Schnee begraben."

Der Schamane rief dem Yethi einen Befehl zu. Das Wesen, nicht ganz Mensch und nicht mehr ganz Tier, hob den Kopf und sah den Mann durchdringend an.

Wieder rief der Schamane, lauter diesmal, und wieder bestand die Reaktion des Yethi nur aus einem langen, bösartigen Blick.

"Ich bin dein Herr!" schrie der Schamane und richtete sich hoch auf, "Gehorche mir!"

"Nein," knurrte da der Yethi, "Schwaches Ding ist nicht mein Herr. Ich bin der Herr. Ich stärker - ich alle töten und fressen!"

Seine Worte erschienen mehr wie das Grunzen und Knurren eines Tieres als die Sprache der Bergmenschen, aber sie waren deutlich vernehmbar, und auch Cladionys begriff sofort ihren Sinn.

Und als sich das Monstrum jetzt drohend aufrichtete, floh der Schamane schreiend, hastig gefolgt von seinen Stammesgenossen.

Dann wandte sich das furchterregende Wesen Cladionys zu.

Unergründliche Augen sahen ihn an. Die Sagen erzählten, dass die Rasse der Yethi uralt sei, und dass sie früher einmal menschliche Geschöpfe gewesen waren. Doch dieses Älteste Volk sei von den Göttern wegen eines Frevels bestraft und mit Primitivität geschlagen worden, so dass sie nun als halbe Menschen in Tierkörpern durch die eisige Bergwelt streiften.

Cladionys glaubte nicht an die Wahrheit dieser alten Sagen, aber ein Blick in die Augen des Yethi zeigte ihm, dass dieses Wesen wirklich sehr alt sein musste.

Die weißgelben Augen der Bestie hatten eine beinahe zwingende Macht. Ihr Blick befahl ihm, sich nicht zu rühren, stillzuhalten und jenen kurzen Augenblick zu erwarten, welcher, losgelöst von Angst und Schmerz, in den Fängen des Bergmonsters lag.

Aber Cladionys war keiner der primitiven Bergbewohner, und er war auch kein abergläubischer Grieche aus Tarsos. Er war ein Babylonier, vertraut mit der uralten Philosophie der alten Stadt und ihren zahlreichen Wissenschaften. Hypnose war für ihn kein mystisches Geheimnis mehr; der Blick des Yethi konnte ihn nicht zum willenlosen Opfer machen.

Vielleicht hatte der Tiermensch im letzten Augenblick bemerkt, dass sein Zauber nicht wirkte, denn er zögerte einen Moment und sprang darum zu kurz. Cladionys gelang es, dem massigen Körper und den messerscharfen Fängen und Klauen auszuweichen. Er machte einen raschen Schritt zur Seite und zog dem weißen Monstrum die schwere, scharfe Klinge seines Säbel quer über den Schädel. Der Yethi schrie auf - wild, animalisch, gellend. Cladionys fürchtete fast, er müsse taub werden durch den schmerzenden Klang dieses Schreies. Doch er schlug noch einmal mit aller Kraft mit aller Kraft zu, traf die pelzige Schulter des Wesens nahe am Hals und durchtrennte Muskeln und Sehnen. Seine scharfe Klinge biss tief in die Knochen der Bestie hinein. Kein normaler Sterblicher hätte diese beiden fürchterlichen Hiebe überleben können.

Doch zum Entsetzen des Babyloniers kam der Yethi taumelnd wieder auf die Beine, fauchte wütend und streckte die Arme vor. Aber er griff Cladionys nicht mehr an, der jetzt mit dem Säbel sausende Hiebe kreuzweise vor sich in die Luft schlug, um sich die Bestie vom Leibe zu halten.

Entweder war der Yethi doch schon zu schwer verletzt oder seine Sinne waren durch die schwere Kopfverletzung verwirrt, vielleicht auch beides, denn er rannte mit fürchterlichem Geheul an Cladionys vorbei, prallte im Lauf hart gegen einen Felsvorsprung, stieß sich wieder ab und rannte blindlings weiter, dabei schrille Schreie der Wut und des Schmerzes ausstoßend.

Cladionys folgte ihm zunächst, aber als er sah, wohin das Ungeheuer rannte, blieb er stehen.

Das Monstrum schien übergeschnappt zu sein. Noch zwei, drei Schritte - dann verschwand der massige, weißbepelzte Körper plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

Vorsichtig trat Cladionys an den Rand des Abgrundes, der hunderte von Manneslängen in die Tiefe führte, eine jener jähen Erdspalten, die sich in den Bergen zu Dutzenden fanden.

Nach sehr, sehr langer Zeit hörte er einen leisen, dumpfer Aufprall........

Cladionys schob den Säbel in die Scheide zurück, packte seine Sachen und hüllte sich in seinen Mantel, um nach Süden zu marschieren.

Um die Überreste von Harkham kümmerte er sich nicht weiter, denn er meinte, dass der Tarsoser kein besseres Schicksal verdient hatte.

Er wanderte die ganze Nacht hindurch, einerseits, um nicht zu erfrieren, andererseits, um den Ort der grausigen Begegnung so schnell wie möglich weit hinter sich zu lassen. Außerdem wollte er schnellstens aus diesem viel zu kalten Schneegebirge herauskommen.

Als die Sonne am nächsten Morgen die Wolken durchbrach und den Schnee wie Diamantenstaub glitzern ließ, schien es ihm, als wichen die Berge vor ihm zurück und gaben ihm den Blick frei auf die nördlichen Gebiete des Reiches von Makedonien, über das der große Eroberer Alexander herrschte, der kaum dem Jünglingsalter entwachsen war......

 

Ende

zurück